Das Kirchdorfer Hochzeitsbüchl

Der Tölzer Bürgermeister und spätere Geistliche Anton Ignaz Niggl hatte einen jüngeren Bruder Aloys. Dieser übernahm die elterliche Gastwirtschaft in Kirchdorf am Haunpold. Machen wir einen kleinen Ausflug in die Welt von Aloys‘ Schwiegertochter Maria …… die als Wirtin ein Stück bayrischen Brauchtums ganz und gar unliterarisch protokolliert hat. Der örtliche Pfarrer Herman Tomanek hat den Schatz bayerischer Wirtsgeschichte 140 Jahre später gehoben[1] und mit dem Untertitel »Angelegt und 30 Jahre geführt von der Wirtin Maria Niggl« versehen. Tomanek hat die Geschichte nacherzählt: »Im Besitz der jetzigen Wirtsleute beim ›Großen Wirt‹ in Kirchdorf am Haunpold befindet sich ein recht interessantes Einschreibbüchl. Vor einiger Zeit hat es ein Ginshamer Bauer den Wirtsleuten gebracht. Bei den Habseligkeiten eines verstorbenen ledigen, alten Bauerssohnes vom gleichen Hof hatte es sich befunden. Wie es nach Ginsham gekommen war, das weiß man allerdings nicht.

Dieses Notizbüchl hat eine Vorfahrin auf dem Wirtsanwesen von Kirchdorf angelegt und fast 30 Jahre hindurch geführt. Es war die Wirtsgattin Maria Niggl, geborene Gerer, die am 11. Oktober 1803 als Tochter der Gastwirtseheleute Josef und Theresia Gerer, geborene Leuthner, in Redenfelden das Licht der Welt erblickt und am 18. Juni 1832 den Alois Niggl, Sohn der Wirtseheleute Aloys und Maria Niggl, geborene Beer, in Kirchdorf geheiratet hatte. Getraut wurde das Paar unter Assistenz des Ortspfarrers Peter Liebherr von dem Onkel des Bräutigams, dem früheren Kaufherrn und Bürgermeister von Tölz und späteren Priester Anton Niggl, einem gebürtigen Kirchdorfer.

In das Notizbüchl, das beim Papierfabrikanten Anton Kaut in München gekauft worden war, wie aus dem eingeklebten Firmenschildchen ersichtlich ist, hat die umsichtige Wirtin alle Hochzeiten eingeschrieben, die sie ausgekocht und ausgerichtet hatte. Fein säuberlich sind alle Leistungen aufgezählt, mit Gulden und Kreuzerbeträgen angegeben und dankbar saldiert oder mit dem Vermerk ›Zahlt‹ oder ›Bezahlt‹ versehen. Einmal, am 2. August 1853 bei der Kramerhochzeit von Wiex (i.e. Wiechs), hat sie auch ihren Namenszug beigefügt.

Als gut christliche Frau hat Maria Niggl das Büchlein mit begonnen mit den Worten ›Gelobt sei Jesus Christus 1832‹ und von dem Jahre 1848 an über jede einzelne Seite das Geleitwort ›Mit Gott‹ geschrieben. Dann folgt der erste Eintrag: ›den 18ten Juni haben wir unser Hochzeit gehalten.‹ Strich darunter! Und dann: ›Nach der unsern war die Zimmermeister Hochzeit die erste geweßen.‹ Und wieder Strich darunter. Offensichtlich hat die Wirtin erst nach der ersten Hochzeit gemerkt, daß es gut wäre, Personenzahl und Leistungen mit den entsprechenden Preisen im Einzelnen und in der Summe bei jeder Hochzeit aufzuschreiben. So hat sie das Büchl erstanden, das bereits Geschehene kurz vermerkt und dann frisch begonnen und getreulich ab 1833 jede Hochzeit verbucht. Zum besseren Verständnis der Preise sei hier vermerkt, daß die Währungsumstellung von 1874 den Gulden (= 60 Kreuzer) zu 1,71 Mark berechnete.

Der erste ausführliche Eintrag sei hier auch ausführlich und wort- und schriftgetreu berichtet: ›1833, den 7ten Jänner ist die Oberschuster Hochzeit von Wiex gewesen. (Das war Hochzeiter Kuchlmayr Georg, Oberschuster von Sonnenwiex, und die Braut Viktoria Niederreiter, Killitochter von Högling.) Bei der Morgensupen Bersona 39 von einer 24 Kreuzer macht 15 Gulden 36 Kreuzer, Brautbar frühstück 6 Kreuzer. Hochzeitsmal Bersona von einer 1 Gulden 24 Kreuzer macht 58 Gulden 48 Kreuzer nachdrunk 2 Gulden 12 Kreuzer Musigkantenbier 28 Kreuzer Herrenbier 28 Kreuzer abreimgeld 40 Kreuzer St. Johanes Segen 36 Kreuzer Summa 78 Gulden 54 Kreuzer. Mit dank bezahlt.‹

Und so folgen sie, die Hochzeiten der Kirchdorfer aus dem unteren Pfarrbezirk – die vom oberen haben zwar in der Pfarrkirche den ehelichen Bund geschlossen, aber das Mahl in den Höhenrainer Wirtschaften abgehalten -, eine so genau wie die andere von der Wirtin vermerkt. Manchmal stimmt das Datum nicht ganz genau mit den pfarramtlichen Trauungseintragungen zusammen, dafür ist überall die gleiche Reihenfolge der Leistungen eingehalten, so dass nichts vergessen werden konnte. Das war für das Geschäft wichtig, und darüber zu wachen, ist einer Wirtin große Aufgabe.

Mit der Rechtschreibung hat es die Wirtin nicht sonderlich genau genommen; sie schrieb nach dem Gehör, und im Wirtshaus und rundherum im ganzen Gebiet redete man bayrisch und hörte man den gemütlichen Dialekt.

Hochzeit in Schliersee, Anfang des 19. Jahrhunderts. Aus dem Buch „Unter die Haube gebracht“, von Martina Sepp, erschienen im Münchner Volk-Verlag

Daran hat auch der tüchtige Schullehrer von Kirchdorf, Josef Rothammer, nichts geändert. Er war ein gebürtiger Kirchdorfer und hat auch das Bayrische als Muttersprache gelernt, ehe er als Lehrer ›hochdeutsch‹ schreiben und lehren musste. Und als er am 25. August des Jahres 1835 die Wagnertochter Elisabeth Bernhofer von Kirchdorf zur Lehrersfrau gemacht hatte und die 137 Gulden 24 Kreuzer beim Nachtrunk bezahlte für das, was ›54 Bersona in der Morgensupn und die 66 Bersona beim Hochzeitsmahl‹ verzehrt und getrunken hatten – wobei auf den ›Braudtisch etwas mehreres mit 6 Gulden und 12 Kreuzern‹ gekommen ist -, da hat der gestrenge Herr Lehrer wohl im Büchl nachgesehen, ob alles stimme und richtig zusammengezählt war. Ein Lehrer mußte damals mit seinem geringen Einkommen sparsam umgehen die Schreibfehler aber, ›Bersona‹, ›Braudtisch‹, ›Musigkanten‹ hat er wohlwollend übersehen, denn das Mahl war gut und der Preis in Ordnung. Und so hat die Wirtin weiterhin ›Bersona‹ und auch ›Breidleid‹ geschrieben.

Der Bierpreis war in jenen Tagen sehr beachtlichen Schwankungen unterworfen. 1852 kostete die ›Mas 5 Kreuzer 3 Pfennige‹. Im Herbst desselben Jahres ist der Preis mit 7 Kreuzern im Hochzeitsbüchl vermerkt, dann fällt er im Januar 1853 wieder auf 5 Kreuzer. Im Januar 1855 verlangt man wieder 5 Kreuzer und 3 Pfennige, 6 und 7 Kreuzer, und im Jahre 1861 muß die Wirtin 8 Kreuzer verlangen, wenn dabei noch ein Gewinn herausspringen sollte.

Über den Speisezettel ist im Notizbüchl der Maria Niggl nicht viel zu lesen. Der stand ja im Großen und Ganzen bei den Hochzeiten fest. Bei der Feier einer goldenen Hochzeit ist die Speisenfolge angegeben: Beim Mahl ›Suppe und Wurst, Voreßen 2 Knödl, ein Stück Fleisch, 1 Stückl Bradn, 1+2+3 Brod, Bier von 11 bis 5 Uhr‹. Das war ›am 17ten May 1833 am Pfingstdienstag bei der 50jahrigen Hochzeit von den Nakner Eheleid von Holzham‹. Das Jubelpaar hieß Johann Baptist Leuthner; er war Faßmacherssohn von Ginsham, und seine Anna war die Tochter der Schmiedeheleute Josef und Maria Ettenhuber und stammte von Tuntenhausen. Am 31. Januar 1803 hatten sie geheiratet und das Naggneranwesen zu Holzham übernommen. Vier Jahre waren dem Jubilar noch geschenkt. Er starb am 22. August 1857 mit 79 Jahren, die Jubilarin ist 86 Jahre alt geworden und starb am 4. Januar 1862.

Bei einer anderen Hochzeit hat es sich die Wirtin nicht versagen können, folgendes dem Büchl anzuvertrauen: ›Am 24. 4. 1861 war die … Hochzeit (der Name sei diskret verschwiegen) ohne Morgensupn, kein Kälberschlögl, kein eingemachtes Kalbfleisch u. kein Reis et Zwötzgn, für Berson nur 2 Gulden.‹ So ist der knauserige Hochzeiter mit 93 Gulden und 39 Kreuzer davongekommen, und seine 41 geladenen Gäste mußten mit insqesamt 8 Pfund Fleisch auskommen. Da ist es dagegen auf einer ›sogenanten Betl Hochzeit mit 53 Bersona‹ am 10. Februar 1861 hoch hergegangen. Zur ›Morgensupn‹ hat es ›Hausbrodsupn‹ gegeben ›mit Leberwürst und Voreßn‹, beim Mahl ›Margranersupn (Makkaroni), Leberwurst, Voreßn, Rindfleisch, Kraut, Konfekt, Kardofl mit Hoblschaitn‹. Das ganze ohne Bier; das mußte sich jeder selbst bezahlen. Für das Essen verlangte die Wirtin pro Person 24 Kreuzer, wo die ›anderen Einnahmen mit 168 Gulden und 48 Kreuzern‹ herkamen, das ist nicht eigens vermerkt.

Im Jahre 1850 war eine Hochzeit, darüber steht im Einschreibbüchl zu lesen: ›…Summa 147 Gulden 31 Kreuzer zahlt, hat Gold dagehabt auf 30 Gulden, hat es fort. ists noch schuldig.‹ Später muß dann der Hochzeiter einmal zum Zahlen erschienen sein, denn das ›noch schuldig‹ ist ausgestrichen worden, und ein ›z‹ (= zahlt) darunter tut kund, daß doch noch alles in Ordnung gebracht worden ist.

Schauplatz aller bis zum 13. Februar 1843 beim Wirt in Kirchdorf festlich begangenen Hochzeiten war das alte Wirtshaus, südlich des Kapellenschlößchens, das mit einem Bauernhaus zum Wirtshaus gehört hatte. Eine kleine Kapelle stand damals noch etwas südlicher beim Wurzgarten. Ein Bild im Nebenzimmer des Großen Wirtes gibt über den Standort des alten Wirtsanwesens Aufschluß.

Die Zeitumstände müssen gut gewesen sein, sonst hätten die Wirtsleute sich nicht entschließen können, an der neuerbauten Staatsstraße ein neues Wirtshaus zu errichten, noch dazu in dem respektablen Ausmaß wie es geschehen ist. Der mächtige Bau mit dem Ökonomiegebäude, das später eigener Hof wurde, zeugt von Unternehmungslust und Weitblick. Der große, schattige Kastaniengarten, wie er damals zu jedem Wirtshaus gehörte, erweist sich auch heute noch als nützlich, wenn auch mehr Parkplatz denn als Wirtsgarten.

Erschienen in: »Bayerischer Kurier«, München, 15./ 16. November 1874

›den 3ten Juli 1843 ist die Heislerhochzeit von Ginsham gewesen, der Franz und die Genovefa Wimmer war die erste Hochzeit in unser Neugebauten Hauß.‹ In diesem neuen Haus hat die Wirtin Maria Niggl noch fast 18 Jahre die Leistungen ins Hochzeitsbüchl geschrieben und dafür den Gegenwert in Gulden und Kreuzern dankend entgegengenommen. Seit dem Jahre 1850 war sie Witwe, 54 Jahre alt war ihr Gatte am 24. April 1850 gestorben. Der vorletzte Eintrag stammt aus dem Jahre 1861, vom 18. November, bei der Niedermaier Hochzeit von Wiex. Der letzte vom 25. November 1861 bei der Bachmaier Hochzeit von Holzham könnte eventuell von einer anderen Hand stammen. Wenn er aber von Maria Niggl selbst noch stammt, dann ist er bemerkenswert, denn da steht zum ersten Mal im ganzen Büchl nicht mehr ›Bersona‹, sondern ›Personen‹ geschrieben. Diese Hochzeit läßt sich übrigens aus den Pfarrbüchern nicht nachweisen. Am 7. Juni 1862 hat dann der Sohn[2] Anton Niggl mit der Wirtstochter von Törwang, Elisabeth Ballauf Hochzeit gehalten. Die Wirtsmutter hatte sich zur Ruhe gesetzt, und das Büchl fand keine Fortsetzung mehr. Etwa 80 Seiten blieben leer. Auf den letzten Seiten finden sich noch einige Notizen über den ›Mußig oder Cäcilienball‹ der etliche Jahre hindurch abgehalten wurde, im Jahre 1854 heißt es aber: ›Nichts wegen Hoftrauer der Königin Theresia.‹

Die Wirtin selbst starb am 12. November 1874, abends 8 Uhr, plötzlich an Schlagfluß in Rosenheim im Alter von 70 Jahren[3]. In Kirchdorf wurde sie begraben.«

Fußnoten

[1] Herman Tomanek, »Das Kirchdorfer Hochzeitsbüchl«, in: »Der Mangfallgau – Heimatkundliches Jahrbuch für den Landkreis Bad Aibling«, herausgegeben vom Historischen Verein für Bad Aibling und Umgebung in Verbindung mit Landkreis Bad Aibling, 16. und 17. Jahrgang, 1971/72, S. 136ff.

[2] Der zweite Sohn Alois war am 21. Dezember 1834 geboren worden.

[3] Diese Altersangabe weicht von der in der Todesanzeige ab.