Eine Hochzeit, eine Leiche, ein infernales Feuer…

… und ein verschwundener Onkel

Man schreibt den 8. Mai 1860. Früher Morgen. In Mühldorf am Inn bereitet sich ein Hochzeitspaar auf die Trauung vor. Im rund 50 Kilometer entfernten Steinhöring hat man weniger Anlass zur Freude.  Die Gattin des dortigen ehemaligen königlichen Posthalters hatte zwei Tage zuvor ihren letzten Atemzug gemacht und sollte an diesem Tage, um 9 Uhr morgens zur letzten Ruhe gebettet werden. 

Die beiden, recht unterschiedlichen Anlässe stellen im Obing, einem Dorf im Chiemgau, ein Ehepaar vor Probleme. Für die Ehefrau ist die Teilnahme an der Hochzeit familiäre Pflicht, für den Ehemann das Erscheinen am Grabe.

Mühldorf

In Mühldorf schickt sich der 33-jährige Ludwig Niggl an, die neun Jahre ältere Creszenz, eine geborene Pallauf, Wirtstochter aus Törwang, zum Traualtar zu führen. Ludwig hatte in Mühldorf die Lebzelterei seines gesundheitlich angeschlagenen Vaters übernommen und war in wirtschaftlich gesicherten Verhältnissen.

Er stammte aus der zweiten Ehe des Lebzelters Franz de Paula Niggl (siehe »Die verschollene Hauschronik«). Ludwigs am 10. August 1824 geborene Halbschwester Antonia von Padua – so der fantasievolle Vorname – war aus der ersten Ehe und seit dem 12. April 1853 mit dem Obinger Wirt Peter Rechl verheiratet. In den frühen Morgenstunden dieses 8. Mai sollte sich Antonia auf den Weg machen, die 35 Kilometer zur Hochzeit ihres 12 Jahre jüngeren Bruders zu reisen.

Steinhöring

Für Peter Rechl ist für diesen Tag jedoch die Teilnahme an der Beerdigung einer Tante mütterlicherseits in Steinhöring traurige Pflicht. Elisabeth Höfter, eine geborene Scheicher, hatte im Alter von 65 Jahren am 6. Mai 1860 das Zeitliche gesegnet. Peter Rechls Mutter, Anna Maria Rechl, ebenfalls eine geborene Scheicher, war am 10. Februar 1784 in Haag als Tochter des dortigen Wirtes geboren worden. Elisabeth Höfter war ihre rund zehn Jahre jüngere Schwester.

Ein wenig vertrackt ist die Sache schon, denn auch die Braut in Mühldorf hatte zwei Schwestern, die mit Männer aus der Familie Scheicher verheiratet waren. Aber das ist ein anderes Thema.

Die Reisen der Obinger Wirtsleute waren schon deshalb nicht ganz einfach, weil in der Stube der Rechls vier kleine Kinder tobten, von denen das älteste, die am 12. Mai 1854 geborene Antonia, kurz vor ihrem sechsten Geburtstag stand. Das jüngste, Franz von Paula, geboren am 19. Februar 1859, war gerade 1¼ Jahre alt.

Wie dem auch sei, aus der Teilnahme an den Familienfeiern sollte für beide nichts werden. Noch vor Sonnenaufgang beendeten Schreie »Feuer, Feuer« die Obinger Nachtruhe. Ein Ruf, der in jener Zeit die Menschen bis Mark erschaudern ließ. Aus gutem Grund. Der Geißel der Menschheit hatte man noch immer relativ wenig entgegenzusetzen. Oft genug bedeutete ein Haus in Flammen, ein Ort in Schutt und Asche.

Pressemeldungen

Noch hat die Region um Obing keine eigene Tageszeitung. Es werden noch acht Jahre vergehen, bis am 10. Oktober 1868 mit der ersten Ausgabe des von Sebastian Lermer herausgegeben »Trostberger Wochenblatts« (dem Vorläufer des »Trostberger Tagblatts«) ein Regionalblatt erscheint. Noch ist man also auf gedruckte Nachrichten aus weiterer Entfernung angewiesen. In dem in München erscheinenden »Bayerischen Kurier« ist dann am 16. Mai 1860, also über eine Woche nach dem Brand, über dessen Ausmaß zu lesen:

»In Obing, einem großen Pfarrdorf an der über Wasserburg führenden München-Salzburger Strasse, entstand am 8. Mai um 3¾ Uhr früh ein Brand, welcher in wenigen Stunden 16 Firste in Asche legte und etliche 50 Menschen obdachlos machte.«

Obing

In einem 1840 erschienen »Atlas von Bayern« wird Obing »an der Strasse von München nach Salzburg« gelegen mit 46 Häusern, 240 Einwohnern, einem Schlosse, einer Pfarrkirche und einer Kapelle, beschrieben. Ein Drittel dieses Ortes ist an diesem 8. Mai 1860 später ein Raub der Flammen geworden.

»Namentlich verbrannte dem Gastwirthe«, womit Peter Rechl gemeint war, »in dessen Hintergebäuden der Brand sich erhob«, so der »Bayerische Kurier«, »nebst den weitläufigen Gebäuden auch noch Vieh und Fahrniß zum beiweitem größten Theile.« Zur Ursache mutmaßte das Blatt sicherlich nicht ohne Grund, der Brand sei »wahrscheinlich gelegt durch ruchlose Hand.«

Und »wären nicht die Feuerspritzen mit Mannschaft aus den zunächst gelegenen Ortschaften Frabertsham, Oberbrunn, Seeon, Altenmarkt, Stein und Trostberg noch zu rechter Zeit eingetroffen, so wäre das Unglück ohne Zweifel ein noch viel größeres geworden«, konstatiert der ungenannte Berichterstatter.

Dabei kam erschwerend hinzu, dass bei »ziemlich ungünstigem Winde ohnehin die größte Anstrengung« notwendig war, um »dem weiteren Umsichgreifen des Feuers Einhalt zu thun.« Der Schaden bei allen Betroffenen beträgt somit viele Tausende – womit Gulden gemeint waren –, stellt die Zeitung sibyllinisch fest.

Das nackte Leben gerettet

Die erste Meldung, die der »Bayerische Kurier« am 14. Mai 1860 auf seiner Seite 2 über das Unglück, das über das Obinger Haus Nr. 3 (das war die Postwirtschaft) gekommen war, abgesetzt hatte, begann mit den Worten: »Aus Baumburg wird uns geschrieben.« Hatte Antonia Rechls Cousin, der ebenfalls Ludwig Niggl hieß und in Baumburg die dortige Brauerei bewirtschaftete, zur Feder gegriffen? Möglich ist es, denn nicht nur die »Mühldorfer Niggl« pflegten mit den »Baumburger Niggl« ein recht enges Verhältnis, auch die Obinger Familie. Peter Rechls Onkel, Franz Greißl, seines Zeichens ebenfalls Gastwirt in Obing, war 1850 Trauzeuge als Ludwigs Bruder Anton Niggl in Baumburg die Katharina Stadler zum Traualtar führte.

In der nur wenige Zeilen betragenden Notiz zum Brand heißt es, dass »sämmtliche Gebäude des dortigen Wirths, nebst Schlößchen, Neubau, dann wieder Seilermeisters, des Schmiedes, des Metzgers« abbrannten, »wobei sämmtliche Kühe, Pferde, Schafe, Getreidvorräthe verbrannten und die Verunglückten, auch deren Dienstboten ihre gesammte Habe verloren haben und größtentheils nur das nackte Leben retten konnten.«

Dank an die Helfer

Nichtsdestotrotz scheinen die Rechls wirtschaftlich relativ schnell wieder auf die Beine gekommen zu sein. Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1860 konnte man im »Münchener Boten für Stadt und Land« lesen, dass die beiden ihre Wirtschaft wiedereröffnet haben. Das Ganze war verpackt in einer Danksagung.

»Wir Unterzeichnete haben zwar durch den großen Brand in Obing am 8. Mai ds. Js. einen sehr großen Schaden erlitten, indem nicht nur das ganze Wirthsanwesen, sondern auch Vieh, Fahrniß und Vorräthe zum beiweitem größten Theile ein Raub der Flammen wurden: in dem herben Schmerz über diesen außerordentlichen Verlust hat uns aber neben dem Vertrauen auf Gott besonders die liebevolle Theilnahme getröstet, welche wir von nah und fern erfuhren und die sich durch freundlichen Rath und unausgesetzte, oft sehr bedeutende Hilfe kund gab.

Nachdem der Neubau so weit gediehen ist, daß wir gestern in demselben wenigstens die Wirthschaft wieder eröffnen konnten, fühlen wir uns gedrungen, allen unseren Wohlhtäter hiemit öffentlich unseren Dank auszusprechen. Allen unseren Freunden, Bekannten und Verwandten in der Nähe und Ferne, welche uns mit Rath und That unterstützen, den Angehörigen der Pfarrei Obing und der Nachbarschaft, welche so oft und so bereitwillig Hilfe leisteten, namentlich aber dem k. Landrichter zu Trostberg, Freiherrn v. Harold, den Herrn Posthalter Pachmayr zu Frabertsham und den Abgeordneten der betheiligten Feuer-Assekuranzen, die sich unser mit so aufopfernder Liebe annahmen, bringen wir denn unsern innigsten und aufrichtigsten Dank dar und bitten Gott, er möge ihnen Alles tausendfach vergelten sie allezeit vor ähnlichen Unglück bewahren.

Obing, den 21. Dezbr. 1860
Peter Rechl, Gastwirth
Antonia Rechl, geb. Niggl, Gattin«

Brandstiftung zum „rechten“ Zeitpunkt?

Die Höhe des Schadens, den Peter Rechl und seine Frau erlitten hatten, sollte später Gegenstand eines gerichtlichen Verfahrens sein. Der »Münchener Bote für Stadt und Land« hielt sich in einer Meldung, die am 12. Mai 1860 erschien, in der Frage nach der Brandursache noch etwas zurück und stellte nur fest, dass in Rechls »Schafstall auf eine noch unbekannte Weise Feuer« ausgebrochen sei. Musste jedoch anmerken: »Dem fürchterlichen Elemente war bei Abgang dieser Nachricht noch nicht Einhalt gethan.«

Merkwürdig, so der »Bayerische Kurier« am Ende seines Beitrages, sei »auch folgendes Zusammentreffen: Beinahe zu gleicher Stunde, da in Obing das ganze Wirthsanwesen im Feuer aufging, wurde in Steinhöring eine Schwester der Mutter des Wirths beerdigt und war dieser schon auf dem Weg dahin, ein Bruder seiner Frau aber hielt in Mühldorf Hochzeit.« Über diese Zusammenhänge und die mögliche Brandstiftung kann wohl nur spekuliert werden. Es ist nicht überliefert, ob ein Täter gefasst wurde.

Schicksalsschläge

Den Niggls in Mühldorf war das Glück auch nicht hold. Bereits ein Jahr nach der Hochzeit starb Creszenz »infolge vorausgegangener Frühgeburt, nach 14wöchentlichem schwerem Krankenlager« und am 31. Mai 1861 folgte ihr der Schwiegervater, Franz de Paula Niggl, in das »bessere Jenseits«.

Nur eineinhalb Jahre später traf Peter Rechl ein weiterer Schicksalsschlag. Am 5. November 1864 starb mit nur 40 Jahren seine Frau Antonia. Nun stand er mit seinen fünf Kindern allein da. Gedanken, die Wirtschaft aufzugeben, schienen nun zu reifen. Doch da gab es Hindernisse, die man einer amtlichen Veröffentlichung entnehmen konnte.

Der verschollene Onkel

Am 14. Juli 1865 erschien in der »Bayerischen Zeitung« eine »Ediktalladung«. Der Begriff, der heute nur noch im Österreichischen verwendet wird, bedeutet eine Aufforderung zur Geltendmachung gewisser Rechtsansprüche innerhalb einer bestimmten Frist.

Es ging dabei um die »Verschollenheit des Peter Rechl vom Obing.« Dazu wird ausgeführt, »Peter Rechl, Wirthssohn vom Obing, geboren am 19. Mai 1784 und Sebastian Aichtischler vom Obing, geb. am 20. Jänner 1786 werden seit dem Jahre 1825 vermißt.« Der nunmehr seit 40 Jahren verschollene Peter Rechl war der Onkel des gleichnamigen Obinger Tafernwirts. In dem Aufruf wird erläutert: »Für jeden derselben ist auf dem Wirtsanwesen zu Obing ein Heiratsgut von 200 fl. hypothekarisch versichert.« Diese Ausschreibung musste wohl erfolgen, weil ein anstehender Verkauf der Wirtschaft ohne Klärung der beiden Ansprüche nicht möglich war. Deshalb heißt es dort auch weiter: »Auf Antrag des derzeitigen Besitzers des Wirtanwesens zu Obing werden Peter Rechl und Sebastian Aichtischler oder deren eheliche Nachkommen aufgefordert, sich zur Geltendmachung ihrer Forderungen binnen 6 Monaten von heute an hierorts zu melden, außerdem sie für todt erklärt, ihr Vermögen den berechtigten Verwandten ohne Caution hinaus gegeben und die hiefür eingetragenen Hypotheken gelöscht worden.«

Das Schicksal der beiden, zu diesem Zeitpunkt – wenn noch lebend – 81- bzw. 79-jährigen Männer, blieb wohl dauerhaft ungeklärt. Am 3. Januar 1876 erschien auf der ersten Seite des »Traun-Alz-Salzachboten« eine Bekanntmachung, in der mitgeteilt wurde, dass »sich Peter Rechl und Sebastian Aichtischler von Obing oder deren eheliche Descendez nicht gemeldet haben.« Beide wurden deshalb für tot erklärt.

Noch eine Ehe Rechl-Niggl

Der Obinger Tafernwirt Peter Rechl, geboren am 28. Juni 1818, segnete am 2. Juni 1871, eine halbe Stunde vor Mitternacht, das Zeitliche. An seinem Grabe trauerten unter anderem seine Kinder Antonia, Peter, Alois, Franz und Maria sowie sein Bruder Alois. Joseph Rechl, der Name eines weiteren Bruders des Verblichenen, fehlte in der Todesanzeige. Dieser war durch die Ehe mit Anna Maria Niggl, einer entfernten Verwandten von Antonia Rechl, Wirt in Mauerkirchen bei Endorf geworden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.