Joseph Anton Niggl und das Papiergeld

Mit Deisenrieder verband Joseph Anton Niggl noch ein völlig anderes Projekt. Es ist unter der Chiffre »Louisenthal« noch heute bekannt. Louisenthal ist ein Ortsteil der Gemeinde Gmund am Tegernsee im Landkreis Miesbach. In der Internet-Enzyklopädie Wikipedia erfährt man:

»Die Geschichte von Louisenthal beginnt 1818 mit der Gründung der Uhrmacherei des Jacob Deisenrieder. Die Uhrmacherei des Jacob Deisenrieder wurde 1839 von dem Mechanikus Johann Mannhardt,[1] geboren in Pürstling/Gmund, gemeinsam mit dem Kaufmann Niggl aus Tölz und den Kaufleuten Erich und Roeddorfer, sowie dem Mechanikus Drossbach, übernommen.[2]« Diese Fabrik durchlief mehrere Metamorphosen. »Im Jahre 1839/40 wurde durch den mehr erwähnten Kaufmann Niggl aus Tölz,« heißt es in einer Chronik von Gmund, »Herrn Mechaniker Johann Mannhart von Pürstling in München und die wohlhabenden Kaufleute Erich [und] Ruedorfer, unter Herrn Direktor Drosbach, unterhalb der Papierfabrik, eine solcher für Maschinen, zugleich mit Hammerwerk, zum Flachs- und Baumwolle-Spinnen erbaut und weitläufige Gebäude aufgeführt.

Viele Arbeiter und Gesellen fast aus aller Herren Länder waren darin beschäftigt; es war ein eigenes Leben in das sonst so stille Mangfallthal gekommen. Auch erschien zu München, 1840, eine Schrift: ›Grundbedingung zu den Statuten einer Actiengesellschaft zum Betrieb der bereits errichteten Maschinenfabrik‹ in Gmund bei Tegernsee und einer zu etablirenden Maschinen-, Flachs- und Hanf-Spinnerei in München, von Erich und Gebrüder v. Ruedorffer, Droßbach und Mannhart.

Allerlei Arbeiten wurden nun gefertigt in großartigster Weise. So unter andern der mächtige Dachstuhl aus Gußeisen für die Wallhalla in Donaustauf bei Regensburg. Das ganze Unternehmen zerfiel jedoch bald wieder. Die Kosten desselben überstiegen die Einnahmen, überdieß fehlte es an Absatz und Verkehrsmitteln. Ein Versuch, neben der Fabrikbierschenke ein deutsch-katholisches Fabrikbethaus, 1848, zu gründen, scheiterte an der Festigkeit des damaligen Herrn Pfarrers Kögl.[3]« Die hier erwähnte Papierfabrik aber überdauerte die Zeiten.

Ironie der Geschichte: »Der aus der Klasse der Städte und Märkte mit gemeinschaftlichen Abgeordneten gewählte Handelsmann Niggl aus Tölz … hielt einen Vortrag, worin er das Papiergeld, sei es Lotterie oder Bankpapier, als schändliches Institut des Betruges etc darstellte[4]« Heute ist die Papierfabrik Louisenthal »der führende Hersteller von Banknoten- und Sicherheitspapier sowie Sicherheitselementen, als Tochtergesellschaft des Münchner Konzern Giesecke & Devrient (G&D).«[5]

Was hätte wohl Joseph Anton Niggl zu dieser Entwicklung gesagt, dem seine – recht anrüchig begründete – Ablehnung des Papiergeldes eine Fußnote in der bayerischen Geschichte sicherte. Bei den parlamentarischen Debatten, so die Chronisten, »ereignet sich ein komisch-charakteristischer Vorfall, doppelt charakteristisch, weil auch er nicht in die Kammerprotokolle aufgenommen wurde. Der aus der Klasse der Städte und Märkte mit gemeinschaftlichen Abgeordneten gewählte Handelsmann Niggl aus Tölz, dem durch seine Bierbrauereien bekannten Markte im Gebirge, hielt einen Vortrag, worin er das Papiergeld, sey es Lotterie- oder Bankpapier, als schändliches Institut des Betruges etc. etc. darstellte, natürlich mit der Sprache eines schlichten Gebirgsbewohners, derb und gradehin; am Schlusse erwähnte er eine Anekdote des verstorbenen Königs Max, der dem damaligen Juden Seligmann, oder, wie sich Niggl äußerte, ›dem Jud Eichthal,‹ später Freiherr v. Eichthal, als er die Einführung Papiergeldes beantragte, lakonischer Weise mit einem etwas undelikaten, aber durch Goethe‘s Götz von Berlichingen klassisch gewordenen Volksausdrucke antwortete. Diese Worte glaubte der Herr Abgeordnete in der Kammer ganz passend und in voller Bedeutung anwenden zu können, allein die Herren Kollegen meinten, der Anstand sei höchlich verletzt, und zugleich wurde einstimmig beschlossen, Votum und Vortrag des bündigen Redners den Kammerprotokollen nicht eintragen zu lassen. Es ist allerdings etwas eine indelikate, aber bei der Menge dennoch beifällig betrachtete Thatsache der Raritäten willen.[6]«

 

[1] Mannhardt, Johann (*1798 Pürstling/Schliersee, † 1878 München): Mechaniker, Erfinder, Uhrmacher; kam 1826 nach München; konstruierte u.a. eine Plombiermaschine, eine Ölmühle, eiserne Oberlichtdachstühle für die Pinakothek, baute auch verschiedene Werkzeugmaschinen; lieferte Turmuhren in fast alle europäischen Länder; in seiner 1851 gegründeten Werkzeug- und Maschinenfabrik beschäftigte er bis zu 116 Arbeiter. Grab: Alter Südlicher Friedhof. (aus: Werner Ebnet, Sie haben in München gelebt, Biografien aus acht Jahrhunderten, München 2016, S. 389)

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Louisenthal, abgerufen am 16.01.2017

[3] Joseph Obermayr, »Die Pfarrei Gmund am Tegernsee und die Reiffenstuel«, Freising, 1868, S. 243f.

[4] Abel und Wallenstein, »Beiträge zur neuesten Geschichte bayerischer Zustände«, Stuttgart, 1840, S. 315

[5] https://www.louisenthal.com/language/de/home-de/uber-uns/unternehmen/50-jahre-louisenthal/, abgerufen am 16.01.2017

[6] [Carl August von] Abel und [Ludwig Kraft Ernst Karl Fürst zu Oettingen-Oettingen und Oettingen ]Wallerstein, »Abel und Wallerstein. Beiträge zur neuesten Geschichte bayerischer Zustände«, Stuttgart 1840, S. 315f.