Verschollene Hauschronik – Teil 1

Nigglsche Nachkommen: Aus den Aufzeichnungen des Franz von Paula Niggl, Bürgers und Lebzelters zu Mühldorf. Der Text wurde 1956 in „Das Mühlrad“, dem Jahrbuch des Geschichtsvereins Mühldorf, veröffentlicht. 

Vor zwei Jahren hat Gertrud Stetter hier im ›Mühlrad‹ (Band. 4, 1954, S. 58 f.) die merkwürdige Lebensgeschichte des Ignaz Anton Niggl erzählt, Bürgermeisters, Handelsherrn und schließlich Kommorantpriesters zu Tölz.

Die Verbindung mit unserer heimatlichen Familiengeschichte ergab sich dabei durch Ignaz Anton NiggIs Lieblingssohn Franz von Paula er erwarb 1822 das Mühldorfer Bürgerrecht und zog auf dem heutigen Kalchgruber-Anwesen (siehe Bild links unten auf der Ansichtskarte von Mühldorf) als Lebzelter auf. Von diesem Franz von Paula Niggl war nun bekannt. daß er eine eigene Hauschronik geführt hatte, die aber allgemein als verschollen galt. Was Wunder, wenn unser seinerzeitiger Aufsatz mit der Frage nach dieser Chronik schloß.

Ebendiese »verschollene Hauschronik« hat sich nun ganz unvermutet gefunden, und zwar in einer Abschrift im Besitz der Nigglschen Nachkommen. Wir sind dabei für die Überlassung der Handschrift wie für das Anfertigen einer Schreibmaschinenkopie Frau Helga Dietl in Baumburg an der AIz zu größtem Dank verpflichtet.

Gewiß, diese Nigglsche Hauschronik ist kein literarisches Werk, erst recht keine Geschichte Mühldorfs für die fünfunddreißig Jahre von 1822 bis 1857. aber sie ist ein echtes menschliches Dokument. Ein Leben und ein Geschäftshaus in der Spanne jener Jahre, die wir gewöhnlich mit Schlagworten wie »Vormärz« oder »Biedermeier« umreißen! Lehrjahre, Wanderjahre, Meisterjahre: die breite Stimmung des altbayerischen Landes; das innere Gleichgewicht einer Zeit, der geruhsame Zufriedenheit, Biedersinn und bescheidener Wohlstand noch die Leitsterne waren. Ein schmucklos-sachliches, oft merkwürdig-ungelenkes, ja geradezu unbeholfenes Dahinerzählen läßt uns doch tausend Bilder heraufsteigen: das Kyreinsche Handelshaus in Tölz oder den Herrn Professor Gelas Gail. Handwerksgesellen auf der Würzburger Mainbrücke oder im Zauberbann des alten Prag, eine biedermeierliche Hochzeitstafel oder der Dämmerschoppen der Mühldorfer Stadthonoratioren.

Mit klingendem Spiel rückt das »Königliche Landwehr-Bataillon« zur Jahresparade aus: der Hochwürdige Herr Dechant und sein Kooperator eilen, die Donnerbüchsen geschultert, zur Winhöringer Jagdpartie: die Bürger von Buchbach lassen die »Schlacht von Ampfing« über die Bretter gehen: auf dem Inn aber paffen die Dampfschiffe dahin und der EinsiedeI von Engfurt läutet seine Abendglocke … Biedermeier-Szenen, als ob wir bei Raimund oder Nestroy säßen!

Aber trotz allem: so biedermeierlich wie wir es uns vorstellen, ist dieses Biedermeier doch nicht gewesen. Wir sehen auch Armut und Kargheit in den Winkeln hocken; schauen kopfschüttelnd in Besteckkasten und Rezeptbuch der alten Stadtärzte; erleben das Hinsterben der frühverbrauchten, kindbettmüden Frauen. Diese Welt des Biedermeier hat auch etwas von der unbarmherzigen, nahezu frostigen Härte ihrer Ölbilder, etwas von der freudlosen Frömmelei ihrer Ziegelkirchen oder der Schwindsüchtigkeit ihrer Gußeisengotik. Vielleicht hätten die Menschen oft gar nicht mehr weiterleben können unter so viel Enge, Bedrängnis und Krähwinkelei, wenn sie nicht noch die ganze breite Urkraft des bayerischen Landes in ihrem Blut getragen hätten und die tief-katholische Gläubigkeit des Barock in ihrem Herzen …

Doch wir wollen keine Zeitanalyse des Biedermeier versuchen, sondern bloß einführen in die alte Hauschronik des Franz von Paula Niggl, Bürgers und Lebzelters zu Mühldorf. So geben wir jetzt den Text, von unwesentlichen Kürzungen abgesehen, den langen, vollen Text. Die paar Schlußanmerkungen, die wir uns doch nicht verkneifen konnten, möchten kein durchlaufender Kommentar sein, sondern nur zu ein paar Personen und Sachen einen kleinen Hinweis bringen.

Das Stammhaus der Familie Niggl ist das Gasthaus zum Niggl in Mauerkirchen bei Rosenheim. Ein Sohn aus diesem Hause, Anton, heiratete um das Jahr 1756 nach Kirchdorf bei Aibling als Wirt. Er ist geboren 1725; gestorben 1819. Seine Frau hieß Anna, gestorben 1790. Der älteste Sohn Ignaz Anton (als mein Herr Vater) sollte nach dem Antrage seiner Eltern Priester werden. Er hat deshalb in jüngeren Jahren mehrere Schulen studiert. Als ihm aber bei der Aufnahme ins Kloster Weyarn bei Holzkirchen ein anderer vorgezogen wurde, verließ er aus Verdruß hierüber die Studien und trat als Handelslehrling in das Haus des Handelsmanns Bonnin in München ein. Nach einigen Jahren kam er von da als Buchhalter in das Kyreinsche Handelshaus nach Tölz. Der Besitzer dieses Handlungshauses, Franz Michael Kyrein, hat sich später dem Schwärzen mit Tuch ergeben, wurde mehrmals ertappt und so bedeutend in Geld gestraft, daß seine Vermögensumstände völlig zerrüttet waren. Er selbst aber verlor den Verstand. Seine Frau flüchtete sich mit einem Sohne Franz Paul zu ihrer Mutter nach Fürstenfeldbruck, wo sie ein ganzes Jahr verweilte. Sie tat ein Gelübde, daß wenn ihr Mann wieder zu Verstand kommen würde. sie eine auf dem Gottesacker in Fürstenfeldbruck in Verfall geratene Kapelle, Jesus im Kerker, ganz neu herrichten lassen wolle. Gott erhörte ihr Gebet.

Ihr Mann starb aber bald danach an der Auszehrung am 25. Februar 1791. Die Witwe des Franz Michael Kyrein, jetzt einzige Besitzerin des großen Handlungshauses in Tölz, verehelichte sich wieder am 10. Oktober 1791 mit Ignaz Anton Niggl. Der Verspruchtag war am 24. September 1791. Aus dieser glücklichen Ehe stammten folgende Kinder:

  1. Joseph Anton, geb. 4. Sept. 1792
  2. Ludwig, geb. 23. Aug. 1794
  3. Franz Paul, geb. 8. Aug. 1795
  4. Maria Antonia, geb. 6. Juni 1801, gest. 28 Febr. 1802
  5. Maria Regina. geb. 6. Sept. 1802, gest. 10. Nov. 1804

Meine Mutter, eine verständige und bescheidene Frau, eine Mutter der Armen und Kranken, eine Wohltäterin der Schulen und Kirchen, starb am 12. Oktober 1811 an einem Samstag um 7¼ morgens, an Herzwassersucht und Magenleiden. Sie war geboren am 1. Jänner 1761 [hier irrt der Autor, richtig ist der 30. Jul. 1762 – P.N.] zu Fürstenfeldbruck, wo ihr Vater churfürstlicher Posthalter war.

Dieser starb auf eine merkwürdige Weise: Am 1. November, dem Allerheiligentag 1767, ritt er aufs Land zu einer Seelenandacht. Im Nachhausereiten schlug er einen näheren Weg ein. Es traf sich aber, daß das Pferd über einen schmalen Steg über den Amperfluß gehen mußte. Das Pferd stürzte über den Steg in die Amper und zog den Reiter mit sich in das Wasser. Das Pferd rettete sich, der Großvater aber ertrank.

Der alte Niggl

Nach dem Tode seiner Frau, meiner Mutter, übergab der Vater Ignaz Anton Niggl im Jahre 1815 das Anwesen seinem ältesten Sohne. meinem Bruder Josef Anton. Er selbst aber faßte den Entschluß, seine in früher Jugend unterbrochenen Studien jetzt zu vollenden und in den Priesterstand einzutreten. Während der Zeit, da er seine Studien bei einem alten Pfarrer in Feldkirchen fortsetzte, traf ihn und seine Söhne noch ein großes Unglück.

Am 23. März 1819 brach, unbekannt auf welche Weise, früh um 5 Uhr im Kyreinschen Handlungshause zu Tölz Feuer aus und dieses sowie die Austragswohnung des Vaters gingen größtenteils in Flammen auf. Der Schaden war gewiß, da auch viele Waren verbrannten, mehr als 16 000 Gulden.

Am 11. Mai 1820 wurde der Herr Vater im Dom zu Regensburg vom hochwürdigen Herrn Weihbischof [Johann Nepomuk von] Wolf zum Priester geweiht, nachdem er die vier niederen Weihen schon im Herbst des Jahres 1819 zu Freising und das Subdiakonat und Diakonat zu Weihnachten desselben Jahres zu Regensburg empfangen hatte, wo Ich ihm bei den ersten sechs Weihen das Geleit gab. Seine Primiz feierte er am 13. Juni 1820 In Tölz, sein Primizprediger war ein Franziskaner, Herr Pater Gumbert Schalch aus Ingolstadt, geboren zu Tölz von unbemittelten Leuten, wo meine Eltern beim Studieren Unterstützung geleistet hatten. Hundert Gäste in zwei Gasthäuser verteilt waren bei der Tafel.

Als besondere SeItenheit ist hervorzuheben: 1. Sein Vater erlebte noch, als er die niederen Weihen empfing. 2. Sein ehemals erster und in seinen letzten Studienjahren letzter und einziger Professor, der hochwürdige Pfarrer Acherer zu Feldkirchen bei Kirchdorf, war bei seiner Primiz anwesend, damals bereits über 80 Jahre alt und Jubelpriester. 3. Seine Braut war seine Enkelin, die erstgeborene Tochter seines Sohnes Anton, die er aus der Taufe gehoben und die von ihm den Namen Antonia erhalten hatte. Sie war damals vier Jahre alt; später verehelichte Khann, welcher das Geschäft übernahm.

Wir drei Brüder verehrten dem geliebten Vater bei dieser Festfeier: 1. eine Albe und ein Meßkleid in Gold gestickt im Wert zu 200 Gulden, 2. ein Schaubild von Silber, einen Tempel oder eine Kirche vorstellend, auf einem Felsen gebaut und von allen höllischen Mächten angefochten, von dem berühmten Silberarbeiter Seethaler von Augsburg gefertigt, kostete 400 Gulden, also eine Schenkung von 600 Gulden im Ganzen.

Der Herr Vater blieb nun in Tölz für sich lebend, jedoch leistete er freiwillige Aushilfe in den beiden Filialen Wackersberg und Hirschbach, bis die Eifersucht der Franziskaner ihn nötigte, dieses Werk der Liebe nicht weiter mehr fortzusetzen. Er wohnte am Turm. Was er an Meßstipendien einnahm, ließ er einem armen Studenten, Bauerssohn aus seiner Heimat mit Namen Georg Wäßler, geb. 12. April 1793, Priester 15. August 1827, starb als Pfarrer in Bruck bei Grafing, 55 Jahre alt.

Mein Taufpate war Franz Paul Mathis, Weingastgeber und Bierbrauer in Tölz. Er und seine Frau, beide ausgezeichnet durch wahre christliche Frömmigkeit und Mildtätigkeit gegen Arme, liegen in der Franziskanerkirche zu Tölz begraben. Mein Firmpate war Martin Kollmann, Bierbräuer zum Unterkerschbräu in Tölz. Unsere Kindsmagd, dreißig Jahre im Dienste bei meinen Eltern, mit Namen Rosina Karlin, Bortenmacherstochter von Weilheim, wurde über 70 Jahre alt, war eine ausgezeichnete, christliche, treue wie arbeitsame Person, die viel zur guten und frommen Erziehung beitrug. Sie hatte an der Erziehung bei uns viel Gewalt, daher sei ihrs gedankt vielmals und Gott belohne Sie mit allen Freuden im Himmel. Ebenso hatten wir einen Ladenbedienten mit Namen Anton Daner, Knopfmacherssohn aus Tölz, diente 50 Jahre in unserm Haus, ausgezeichnet wie die Kindsmagd an Treue, religiösem Sinn und Fleiß. Desgleichen war eine Köchin da mit Namen Gschwendler, eine Baderstochter von Aibling über 30 Jahre, wie die vorige an Fleiß, Treue und Sittlichkeit; dann abermal ein Ladenbedienter mit Namen Josef Kleinhans aus Tirol gebürtig, ebenfalls 25 Jahre mit Fleiß, Treue und Sittlichkeit, allda gestorben 1804.

Der Hauslehrer

Als ich in das neunte Jahr ging, besorgte der Vater einen eigenen Hauslehrer für uns drei Brüder, mit Namen Titl. Hochwürden Herr Gelas Gail.[1] Er war früher Klosterherr in Polling gewesen. Dieser machte aber Bedingungen als Hauslehrer, wo meine verständige, beste Frau Mutter selig gar nicht eingehen wollte und weinend auf dem Rathaus zu Tölz das Protokoll unterzeichnen mußte; es ging ihr im Geiste vor. Der Vater war so sehr eingenommen dafür. Sein Sinn als Priester war bei diesem Klosterherrn nicht auf der frommen Seite; nur ein recht guter Lateiner war er. Die Bedingnissen waren nämlich so: Er erhielt freie Logis, Beheizung, Kost, Wasch, Licht usw. und dazu noch 200 Gulden. Überdies hatte er noch seine gute Klosterpension und freies Meßstipendium, stand sich als in seinem Gehalt sehr gut. Bei diesem Reichtum nun kaufte er, mit salveni[2] zu sagen, den Platz wo beim vormaligen Franziskanerkloster in Tölz die Priveter[3] oder Abtritte waren und baute sich eine herrliche Logie.

Um diese nun seine Zeit bald zu genießen, suchte er eine Gelegenheit, sich mit den Eltern zu entzweien, welches an einem Sonntag 1808 im Frühjahr, also nach vier Jahren wo er uns lehrte. auch geschah. Nämlich die Logie benützte er schon und mußte nun alle Tage zu uns lehren hereingehen wie zum Essen. Da gab es dann an einem Samstag, wo Fasttag war, Nudeln gebachen und eine Zwetschgen-Eindunk. Die Nudeln waren auf einem Kasten schon hergerichtet. Als er durch den Laden ging, sagte die Mutter: »Herr Professor, Sie müssen warten bis wir kommen«, da soeben im Laden Hochzeitsleute zum Einkaufen da waren. Allein Herr Professor wartete nicht, und weil die Köchin die Suppe nicht brachte, nahm er gleich die oben angezeigten Speisen her und aß. Während diesem kam die Mutter selig dazu und sagte: »Herr Professor, Sie leben von uns, können wohl warten.« Auf diese Rede fand sich Herr Professor beleidigt und ging fort in sein Loschie, schrieb einen Brief mit dem Bemerken, man wird wissen wie die Bedingungen lauten, er wird von nun an das Haus nicht mehr betreten Nun lauteten die Bedingungen daß Herr Professor für seine ganze Lebensdauer alle Jahre 200 Gulden erhalten muß; dies war fest protokolliert, eine Bedingung, die mein Vater viel zu wenig überlegt hatte.

Von 1808 bis 1815, wo er übergab, bezahlte Vater dieses Geld – in Zeit also von sieben Jahren 1400 Gulden. Bei der Übergab übernahm mein Bruder Anton diese Last, weshalb er um 6000 Gulden geringer übernehmen durfte. Da aber Herr Professor in die 80er Jahre hineinlebte, welcher in Trostberg als Zehnuhrmeßleser endlich 1839 gestorben ist, bezahlte somit mein Bruder von 1815 bis 1839, also in Zeit 24 Jahren, 4800 Gulden.

Von 1808 an gingen wir zum Lernen zum Hochw. Herrn Benefiziaten Pater Barlam Hopfensberger am Kalvarienberg. Zur selbigen Zelt war der Tirolerkrieg[4]. Als wir vom Kalvarienberg um 11 Uhr hinuntergingen, kamen 1809 auf einmal 500 Mann am Felde bei den Franziskanern rechter Hand gegen den Apotheker zu. Selbe kamen um 10 Uhr morgens an, verlangten Speis und Trank, aber in der Meinung, daß Soldaten, regulierte Bayern in den Salzstädel versteckt wären, zogen sie bald wieder ab. Bis zum Herbst lernte ich da.

Anfangs November trat ich in München zur Fortsetzung der Studien im Knabenseminar im ehemaligen Karmeliterkloster ein. Unser Seminardirektor hieß Hobmann, ein würdiger Priester und Stadtsmann: er wurde später Oberstudienrat. Schuldirektor war Herr Weiler,[6] auch ein Priester, aber nicht dem vorigen gleich. Musikpräfekt war Herr Wenig, später wurde er Pfarrer in Lenggries, wo er zuhause war. Mein Schulprofessor war Herr Josef Sutor, weltlicher Professor, sehr brav und verständig, starb leider in der Blüte seines Amtes nach einigen Jahren. Diese Klasse hieß man damals Unterprima; es waren unser 72 Schüler, wo ich den zehnten Preis erhielt.

1810 trat ich in die Oberprimaklasse ein, auch zu einem weltlichen Professor mit Namen Johann Baptist Fischer, erhielt unter 49 Mitschülern den zwölften Platz. Während dieser zwei Jahre war ich auch Singknabe und mußten uns beim Hauptgottesdienst auf dem Chor in unserer Seminarkirche zu St. Michael und ins Herzogspital gebrauchen lassen. Dafür kam alle Freitag aus der Pfisterei oder Kgl. Hofbäckerei für alle Seminaristen, deren unser im Ganzen 60 waren, das Brot für alle. Im zweiten Jahr, als ich im Seminar war, trat Hochw. Herr Direktor Hobmann ab und wir erhielten einen neuen Herrn Direktor von Neuburg a, d. Donau mit Namen Holland, wo also von diesem noch den Namen »Hollandsches Institut« hat. Er war sehr scharf.

Als ich in den Herbstferien nachhause kam, traf ich meine teuerste, beste, mir unvergeßliche Frau Mutter schon krank an, wo sie immer kränker wurde und den 12. Oktober am Maximilianstag an einem Samstag morgens um 7¼ im Herrn sanft entschlief. Sie litt an Herzwassersucht und Leberverhärtung. Eine Gattin, Mutter, Hausfrau, Handelsfrau, Wohltäterin für Arme und Kranke, Krankenhaus und Schule, wo ihresgleichen wenig finden wird. Alle Sonntag wurden gewöhnlich 20 Arme ausgespeist, wo wir drei Brüder nach dem pfarrlichen Gottesdienst in zinnernen Einsatzen das Essen zu den Armen und Kranken tragen mußten und die Mutter selbst das Essen einrichtete mit der Anrede: »Merkt es Euch, was um Arme und Kranke ist und bleibt wohltätig für immer.« Alle Festtage legte sie 12 Kreuzer, auch 24 Kreuzer an Geld dazu; unter der Woche erhielten das übrig gebliebene Essen meistens Hausarme, wo viele Kinder da waren, was wir auch hinbringen mußten, um was Hunger ist kennenzulernen. Was sie alles Im Stillen gab, weiß Gott allein, er wird sie belohnen mit dem ewigen besseren Leben. Hausordnung war ebenfalls auf das schönste und beste alles geordnet; jedes übrig gebliebene Fleckl von einem Rock, Hose, Gilet,[7] Bettzeug usw. wurde aufgerollt, zusammengebunden und ein Zettel daran, wohin es paßt oder gehört. Sie war wohl etwas jähzornig, aber gleich wieder auf das allerbeste, hatte keine Affenliebe. Eine Mutter, an die ich ohne Träne zu vergießen nie denken oder reden kann, und ihr Tod viele, viele Jahre schwer im Herzen lag wie noch liegt.

Von nun an hörte bei mir die Lust zum Studieren auf und entschloß mich die Lebzelter-Profession zu erlernen. Im Jahre 1812 anfangs Mai trat ich in Mindelheim bei Herrn Baptist Jocham, Wachszieher, in die Lehre ein, wo ich ein bedeutendes Lehrgeld bezahlen mußte und leider nichts lernte, was aber nicht meine Schuld war wegen Fleiß, sondern es ging nur Wachsarbeit alleinig, von Back-, Met- und Preßarbeit sozusagen gar nichts, da kein Metlebzelten ging, sondern der Lehrherr hatte etwas Spezereihandlung.

Da nun war ich als Lehrling vom Mai 1812 bis Juli 1815, wo ich freigesprochen wurde und am Annatag 1815 in Türkheim bei Herrn Wachszieher NießI meine GeseIlenprobe machen mußte. Von da an bis im September arbeitete ich noch als Geselle allda und trat Ende September 1815 bei Titl. Herrn Paul Ebenböck, Lebzelter in der Sendlingergasse in München, als zweiter in Kondition ein. Hier hatte ich Gelegenheit an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 11 Uhr die Physik und Mechanik, vorgetragen von Titl. Herrn Professor Albert Bauer, der die Kalender schrieb und dabei unterzeichnet war, zu hören. Er war ein recht solider Mann, gab jeden auf jede Frage genaue Auskunft und war recht aufmerksam. Diese Stunden benutzte ich, die eigens für die Handwerksgesellen vom Kreuzviertel gegeben wurden; man konnte sich viel herausnehmen und war für mich anpassend in mancher Hinsicht, besonders bei Erbauung meiner Wachspresse. Außerdem benützte ich auch die kirchlichen schönen Andachten, besonders am Bürgersaal. Den 11 Juni 1816 trat ich aus dieser Kondition und hatte einen Verschreibbrief erhalten in Condition zu treten nach Bamberg, da in mir die Lust sich regte die Fremde zu benützen. Ich traf am Fronleichnamstag, 16. Juni 1816 – da es Eile hatte, fuhr ich mit Postwagen dahin! – gleich alldort ein. In Bamberg gefiel es mir sehr wohl hinsichtlich meiner Herrschaft, wo sie eine Witwe mit drei Kinder war, da der Herr im Frühjahr gestorben ist, mit Namen Herr Deckert am Steinweg. Es war noch sein Vater bei Leben, schon alt, der das Geschäft noch etwas dirigierte, welches nicht sehr streng ging. Dann die schöne Gegend in und um Bamberg war reizend, besonders die vielen Gärten, wie auch die erhabenen schönen Kirchen und Kirchenandachten mit Volksgesang. Dann die Schiffahrt an der Pegnitz. Kurz gesagt, es gefiel mir sehr wohl, allein zu meiner Profession-Ausbildung war es wider nicht die rechte Kondition, da abermals wie in meiner Lehre keine Met-. Back· und Preßarbeit ging So gern ich diesen Platz hatte, ich verließ ihn doch und reiste also den 18. Februar 1817 ab.

Das Hungerjahr

Jedoch noch eine Anmerkung zu dieser Bamberger Kondition. Es war soeben die große Teuerung. Zum Frühstück erhielt Ich um einen Kreuzer Brot, das recht klein war. Kaffee, etwas wenig, mußte ich heimlich trinken, da die Großeltern nichts davon wissen durften. Kommißbrot wurde gekauft und dies wurde mit eingesperrt. Konnte und durfte mich oft nicht satt essen allein wenn ich oft Gelegenheit fand schnitt ich mir dann doch sehr oft solche Portionen ab, daß Ich mich satt essen konnte. Fleisch sehr wenig kleinste Portionen Gemüs aber viel im Überfluß da konnte man sich satt essen da die Gärtnerei großartig ist. Das Wasser zu unserer Profession mußte ich in hölzernen Butten am Rücken vom Platz hereintragen. allein zudem war ich gerne da.

Nun hier nahm ich zum erstenmal mein Bündel oder Felleisen[8] auf den Rücken in Gottes Namen und da ich etwas viel und gute Kleider hatte, wurde es mir wohl sauer und schwer genug im Anfang. In Würzburg machte ich das Bündel wieder etwas kleiner und leichter und sandte die übrigen Kleidungsstücke nach Bamberg zu meiner Herrschaft zurück. In Würzburg war ich dann von 23 -26 Feb. 1817 dann ging es nach Aschaffenburg da verweilte ich wegen Familienangelegenheiten 17 Tage, nämlich schrieb nach Hause wegen Paß in das Ausland[9] wo ich aber keinen erhielt, indes begehrte ich dann in das überrheinische Bayern wo man mich auch hinübervisierte. Ich reiste den 16. März ab, machte die Reise über Hanau Frankfurt, von da mit dem Postschiff nach Mainz, von Mainz nach Worms, Landau, Speyer, Heidelberg, Mannheim, Darmstadt, Aschaffenburg und Würzburg.

In Würzburg traf ich den 30. März 1817 ein und erhielt auf vier Wochen Arbeit da die Firmung einfiel, wo viel Nonnenkrapfel qebachen und verkauft wurden.

Den 30, April bin ich von da wieder abgereist und ging nach Maria Dettelbach, Bamberg, Bayreuth, Nürnberg, Dinkelsbühl, Öttingen am Ries, Monheim, Wemding, Donauwörth. Augsburg, Schrobenhausen, Freising, Landshut, Biburg, Altötting, Pfarrkirchen Allda den 3. Juni an einem Samstag angekommen erhielt ich Arbeit bei Herrn Ignaz Koller. In dieser Werkstätte wo Wachs-, Met-, Bach- und Preßarbeit gegangen ist, hätte ich schon großen Nutzen geschöpft, allein er nahm einen Ausgelernten und so mußte ich nach sechs Wochen wieder gehen. Ging Vilshofen zu, wo ich den 13. Juli ankam erhielt auch wieder Arbeit bei Herrn Viertel. Eine Tochter übernahm das Anwesen, verehelichte sich und so traf mich das Los zu gehen nach elf Wochen Arbeit. Ich trat zu Michaeli 1817 in Neuötting bei Herrn Hillebrand in Kondition, wo ich dahin zu kommen mir längst gewunschen habe aus drei Gründen, nämlich wegen der Gnadenmutter Maria; dann wegen Herrn Schwager und Schwägerin Steiner, Revierförsterseheleute bei Winhöring, da Frau Schwägerin Steiner von Reichertsbayern eine Stunde herunter Tölz gegen Miesbach zuhause ist, eine Verwalterstochter und Schwester von meinem Bruder Anton in Tölz seiner Frau; dann war im Kapuzinerkloster zu Altötting ein Pater Kapuziner mit Namen Pater Benjamin Dosch, ein Handelmannssohn von Straubing, der zu meinen besten Eltern ein recht guter Bekannter war, sein Absteigequartier in unserm Haus hatte, wenn er seinen Bruder besuchte, der in Weilheim Doktor der Medizin war. Anfangs in dieser Kondition mußte ich mich sozusagen an etwas Saufen und Spielen halten, da mein erster Gesell mit Namen Schmerold diesem ergeben war. Zum großen Glück aber entzweite er sich mit der Frau und ging nach Allerheiligen fort. Somit war ich nun über Winter alleinig und widmete mich mehr zu Andachten in Altötting, wo ich mich meistens die Sonn- und Feiertage aufhielt: wie im Kloster der Kapuziner sehr oft Abendtrunk einnahm oder ich ging nach Winhöring und unterhielt mich da sehr gut.


Fußnoten

[1] Anm. im Orig.: über Gelasius Gail (1756-1832) vgl. auch Scheglmann, Geschichte der Säkularisation, IlI 2. S. 610 f. Dort auch die stattliche Reihe der von Gail verfaßten Schulbücher.

[2] mit Verlaub

[3] Toiletten

[4] »Tirolerkrieg«: die große Volkserhebung von 1809, die sich im allgemeinen Bewußtsein meist an den Namen Andreas Hofers knüpft. Da die bayerischen und französischen Armeen an der Donau festgehalten waren, Bedeckungstruppen kaum vorhanden waren, konnten die Tiroler Schützen Vorstöße bis weit heraus ins Flachland wagen.

[6] Anm. im Orig.: Kajetan Weiller (1762-1826). einer der bedeutendsten bayerischen Aufklärungstheologen Eindrucksvolle Erscheinung »Der maßgebendste und durch seinen erzieherischen Einfluß nachhaltigste Vertreter einer sittlich hochgestimmten, ernsten philosophischen Aufklärung« (Funk).

[7] österr.: Weste

[8] Ein Felleisen ist ein meist lederner Rucksack, wie er früher von Handwerksgesellen auf der Stör getragen wurde.

[9] Anm. im Orig.: »Ausland«: hier die nichtbayerischen deutschen Bundesstaaten; das »überrheinische Bayern«, die Rheinpfalz