Verschollene Hauschronik – Teil 3

Das Haus am Stadtplatz: Auf diesem Anwesen war 1651, wie ein alter Brief anzeigt, ein gewisser Peter Cupi, des Rats und Lebzelter, schon da. In den 1720er Jahren waren gewisse Farnbacher auf diesem Anwesen, wo ich Herrn und Frau, wie selbige als Gestorbene daliegen, sehr groß abportraitiert besitze. Aufschrift des Herrn: »Der wohlvornehme und weise Herr Georg Farnbacher selig, gewester Bürgermeister, des Rathes und Lebzelter allhier, welcher gestorben den 29. May zwischen 11 und 12 Uhr vormittag seines Alters 62 Jahre, 1707.«  Aufschrift der Frau: »Frau Maria Magdalena Farnbacher, geb. Heidin, verwittibte bürgerliche Lebzelterin allhier, welche im 69 Jahr ihres Alters anno 1724, den 26. Febr. zwischen 2 und 3 Uhr nachmittag in Gott selig entschlafen ist.“ Der Wassergranter[20] in meiner Wachsbleiche ist von diesem Farnbacher neu hergestellt worden, 1723, wo Jahrzahl und dessen Name in Quaderstein eingehauen sind.

Von dem Farnbacher Lebzelter ging das Anwesen über an die Neumayerschen Eheleute. Der Herr hieß Andrä, die Frau Theresia. Selbe starben mit nicht sehr hohem Alter, hinterließen eine Tochter mit Namen Theresia; minderjährig noch, wo pensionierter Herr Stiftsverwalter Andrä Unterholzer[21] deren Vormund war. Es wurde nun das Lebzelteranwesen 1817 auf sechs Jahre verpachtet. Was Pacht bezahlt wurde, kann ich gar nicht so genau sagen, ich hörte von 120 Gulden. In die Pacht nahm es ein Bruder vom obigen Andrä Neumayer, nämlich Herr Franz Xaver Neumayer und dessen Frau. Beide waren Lebzelterseheleute in Velden; dort hatten selbe übergeben, konnten also hier leicht in Pacht übernehmen.

1821 nun ehelichte mit 19 Jahren die Theres Neumayer einen Apotheker mit Namen Wollburg, wo sich selbe in Eichstätt eine Apotheke angekauft haben. Es wurde nun dies Lebzelteranwesen öffentlich ausgeschrieben und um Michaeli 1821 veräußert. Drey Käufer waren da; ich aber wußte nichts, daher ich nicht dabei war. Nämlich ein Früchtenhändler von hier, Kroiß, sogenannter »Lemonikramer«, für seine Tochter Rosa hätte er es gekauft, wie es aber einmal über 4000 Gulden ging, ließ er aus. Dann schlug ein gewisser »Lebzelter-Blasi« von Geiselhöring, ließ auch aus und noch schlug Herr Simon Mayr, Maurermeister allhier, welcher es für seine Tochter Maria Fraunholz, Schneiderswitwe von München, welche vier Kinder hatte, kaufte und das größte Angebot von 6620 Gulden machte, was ihm auch zugeschlagen wurde.

Ich arbeitete gerade in Pfarrkirchen bei Ignaz Kollers selig Witwe, wo ein Fremder ankam mit Namen Johann Schwab, der mir diese Nachricht hinterbrachte mit der Äußerung, daß es Maurermeister Mayer nicht behaupten können wird. Von da an zeigte sich bei mir alle Neigung zu diesem Anwesen. Ich schrieb an Herrn Schwager Steiner, Revierförster in Winhöring, um mich darüber aufzuklären, welcher wie Johann Schwab das nämliche mir bekannt machte. Ich reiste gleich nach Lichtmeß herauf, besprach mich mit Herrn Mayer und hätte ihm 7000 Gulden bar ausbezahlt, also 400 Gulden am besten gegeben, wenn er es wieder abtreten würde. Allein dazumal geschah das nicht. Ich wendete mich sogleich an Herrn Stiftsverwalter Andrä Unterholzer als Vormünder der Therese Neumayer.

Von nun an wurde bei Herrn Mayer dessen Bezahlung immer mehr betrieben, er konnte kein Geld aufbringen; selbst hatte er keines und die Vormünder der vier Kinder ließen das Geld nicht von München weg. Keinen reichen Lebzelterssohn oder Gesellen konnte sie auch nicht auftreiben, somit mußte Herr Mayer nach dreimaliger gerichtlicher anberaumter Komission Ende der Fastenzeit das ganze Anwesen abtreten. Es verkaufte der Vormund wieder und es wurde mir um das Angebot von 6520 Gulden zugeschlagen. Dabei ist anzumerken, daß während dem Zeitraum Herr Maurermeister Mayer dies Anwesen von Michaeli 1821 bis in die Karwoche 1822 – die Gewölbe, ganze gemauerte Kamine, Böden u. dgl. – zusammenschlug, sozusagen dem Hause eine Lichte und Form geben wollte, daß ihm dreimal das Einschlagen gesperrt wurde.

Ich traf gar nichts als Schutt an, konnte im Hause gar nicht logieren, mußte einige Tage bei Herrn Gaigl logieren, wegen dem kaufte ich es wohlfeiler: zudem war an Verlag noch da: an Lebzelten um 32 Kreuzer, Met ein Maß, Honig und Wachs war mehr da, wo sich die ganze Ablösung von Herrn Mayer auf 2200 Gulden erstreckte.

Nun fing ich in Gottesnamen mein Geschäft an. Als Hauserin hatte ich eine Wirtstochter von Töging mit Namen Anna Maria Scheitzach. War eine treue, fleißige, geschickte Person, aber eine immerwährende Jammerin. Dann einen Gesellen, Lebzelterssohn von Aibling, der dort später Lebzelter wurde, wohl geschickt und fleißig, aber etwas roh und grob. Das Frühjahr wie der Sommer nebstbey wurde mit Maurer, Zimmerleute, Schreiner, Schlosser, Kupferschmiede, da alles im größten Ruin war, wieder gearbeitet und hergestellt.

Nach diesem erst entschloß ich mich zu heiraten, wo ich mir aber keine Braut wußte, da ich immer das Projekt hatte und in mir trug im ledigen Stand: bis ich nicht einen Stall habe, brauche ich kein Kälbl, daher jede mindeste Bekanntschaft mied. Anträge kamen mir viele, allein ich konnte mich nicht resolvieren, teils schwer mit Geld, teils minder. Ich ließ das Gott über und verehrte dessen Allvorsehung. Daß ich nicht durch Verehelichung unglücklich werden möge, ging ich daher etwas langsam zu Werke. Ich hatte mir dabei schon früher vorgenommen, wenn von drei Anträgen von meiner Seite mich keine mag, dann verkaufe ich wieder, gehe nach Rom; hätte alldort wieder zu studieren angefangen auf geistlichen Stand. Zwei Hauptanträge will ich bemerken. Herr Rupan, Handeisreisender aus einem Handlungshause in München und selbst Gastgeber in Maria Berg, trug mir eine solide Person an, die bei ihm im Dienst war als Köchin. Ich wollte nun am 22. August diesen Antrag nachkommen. Allein da fügte es sich, daß mir was in den Vorfuß schoß in der Bleiche. Mußte einige Tage das Bett hüten, es zeigte sich ein Bockstern[22] der aufgeschnitten werden mußte, welchen Herr Weißbrod, der später als Medizinalrat nach München berufen wurde, operierte. Somit dachte ich mir, dies soll die Meinige nicht werden und schrieb vom Bett ab, daß ich nicht komme.

Ein beherzter Freier

Nun fügte ich mich zum zweiten Antrag, dieser war: die Mademoiselle Fanny Danzer, Posthalterstochter von Ampfing, welche die Eltern durch jemanden antragen ließen. Ich nahm Notiz davon, ging als soeben in Zangberg Kirchweihe war hin, um persönlich zu sprechen hierüber, was zweimal geschah. Das drittemal denn, Freitag, 31. August drang ich bei der Mademoiselle Fanny auf ein bestimmtes Resultat, welche mir dann persönlich äußerte: wegen ihrer Jugend, wo sie 20 Jahre alt war, könne sie sich noch nicht entschließen zu ehelichen. Ich bat um Vergebung, die Freiheit mir genommen zu haben, bezahlte meine Zeche, ein Frühstück mit Kaffee, und ging fort, nicht wissend mehr, wo ich jetzt hingehe. Im Heruntergehen ging ich in die Ecksberger Wallfahrtskirche wie in das Kronwidl, betete mit allen Eifer zu Gott, Maria sieben Schmerzen und hl. Antonius, sie möchten mich nicht verlassen. Wo mir der Gedanke kam: jetzt heirate ich eine Arme, wenn dich keine Reiche mag.  Einen kleinen Wink hatte ich schon auf die wirkliche. Eine Braut Magdalena Öttl, wo mir zweimal geträumt hat, diese heirate, ich aber mir dachte: sie hat kein Vermögen und etwas könnte ich denn doch brauchen, da mit dem freien Ankauf wie Verbauen und Urkauf hereinschaffen und Einrichten meine 12000 Gulden Muttergut so zu sagen aufgegangen waren. Im Vertrauen auf Gott ging ich nach Hause.

Am Sonntag darauf – es war der dritte Sonntag im September als der 22.  zugleich Monatsonntag! – da ging ich wie gewöhnlich in die Frühmesse, bat Gott um seine Erleuchtung und Gnade, ging nachhause und frühstückte und saß zum Eßtisch in das Eck und stellte in mir den gewissen Gedanken: wenn die Leni, welche Kellnerin ist bei Herrn Gaigl,[23] in dieser Viertelstunde, nur diese war bestimmt von ½ 8 bis ¾ 8 Uhr morgens, in den Keller geht, welches der Landgerichtskeller war, wo nur Wein drunten war – Bier wurde dortmals wenig getrunken bei Herrn Gaigl! – so soll‘s mein sein. Und wirklich traf dies kaum fünf Minuten nach diesem Gedanken ein: sie kam wirklich und schenkte für Herrn Bürgermeister Josef Lerch ein Quart Wein ein, der um acht Uhr aufs Chor ging. Also war dies entschieden von mir sie zu heiraten. Nun habe ich anzumerken: ich wusste wohl zwar dermal noch nicht, wer Ihre Eltern waren, was sie Vermögen hatte u. dgl. Zudem wären dagewesen zum Einschenken: erstlich zwei Söhne Felix und Anton Gaigl, dann ein Kellner; wie zwei Kellnerinnen, nämlich meine Braut und die Fanny, wo anzumerken ist, daß sie neben meiner Braut öfters die Äußerung gab, sie hätte kein Vermögen, selber aber mit ihren 300 Gulden auf mich gespannt war. Da meine Braut auf eine Versorgung nie trachtete mit der Äußerung: »Ohne Vermögen kann ich auf keine gute Versorgung Anspruch machen, auf eine schlechte will ich nicht«, so waltet die Vorsehung.

Ich setzte mich nun zum Schreibpult, setzte einen Brief auf, als wenn jemand sie als Hauserin engagieren wollte. Fragte in diesem Brief also wie sie heiße; ob Vater wie Mutter noch lebten; ob sie Geschwister habe; ob sie Vermögen habe; ob sie kochen, nähen, stricken könne, wie auch ob sie Bekanntschaft habe. Ich schloß diesen Brief und nahm selben am nämlichen Tage um ½ 12 zum Gaigl trank ein Glas Wein, redete ganz kurz mit ihr, da sie auch nicht Zeit hatte, da mehrere Kostgeher da speisten und sie zu bedienen hatte. Es wurde beschlossen, daß sie bis gegen 2 Uhr Nachmittag zu mir herüber gehen wollte. Unter diesem Zeitraum benahm sie sich mit der sehr alten und braven Köchin von diesem Hause, welche eine Lehrerstochter von Feichten bei Trostberg war und viele Jahre da schon als Köchin diente. Sie fragte die Köchin was sie tun soll, ob sie diesen Brief, den sie ihr zu lesen gab, beantworten soll; da antwortete ihr die Köchin, sie soll mir Antwort erteilen wie sie alles weiß und wie es sich verhält.

Die vermeinte Braut kam um zwei Uhr herüber, beantwortete alle Hauptpunkte mit allen Anstand und Würde, und als der letzte Punkt zur Beantwortung kam, wo sie aus zu vieler Bescheidenheit selben nicht äußern wollte, jedoch auf Andringen nun sagte »Gar nie«, was für mich gewiß einen guten Eindruck gab, wo ich mich aber für den Augenblick noch zurückhalten mußte, von mir nämliches erwidern zu können. Unter anderem fragte sie mich, warum ich wegen einem Vermögen frage, da antwortete ich ihr, wenn sie in diesem Dienst etwas Kaution leisten müßte. Da antwortete sie mir mit Ernst und Bescheidenheit: »Vermögen habe ich wenig. 50 Gulden erbte ich, die hat der Vormünder Herr Lettinger, Bräuer vor der Brücke in Tölz. Vatergut habe ich 200 Gulden.« Als ich um ihre Eltern und Geschwisterte fragte, obs noch leben, antwortete sie mir wie folgt: »Mein rechter Vater war ein Maurer, hatte ein Haus vor der Brücke nahe an der Isar in Tölz, starb an der Abzehrung als ich sechs Wochen alt war; die Mutter verheiratete sich wieder an einem Floßknecht, trafs nicht gut und starb in Gram auch an der Abzehrung als ich sechs Jahre alt war. Der zweite Vater mit Namen Enzinger, heiratete wieder, erzeugte zwei Kinder. Ich mußte mit zehn Jahren die Heimat verlassen, kam zuerst zum Radlbräu in Tölz als Kindsmädl, später nach Dachau zu einem Wagner, der etwas Freund war[24] und blieb fünf Jahre allda. Da aber die Wagnerin eine sehr schlimme Base war, wo Ich in der Teuerung nicht einmal genug Erdäpfel bekam, traf sich‘s anno 1817, daß ich zu einem Administrator, wo die Magd krank war, zur Aushilfe hinkam.

Von da an rekomandierte mich dann dessen Frau bei Herrn Assessor Rosian, wo ich in Dienst gleich eintrat«. Dieser wurde bald als erster Assessor hierher versetzt, wo ich auf diese Weise hierher kam. Da diente ich bei selbigem zwei Jahre und war bei Herrn Gaigl im Haus über dem Platz in Zins Da redete mich einmal die Madame Gaigl an, ob ich nicht Lust hätte als Kellnerin zu dienen, was ich nicht ausschlug und so trat ich 1819 in Dienst bei Herrn Gaigl ein und diene also drei Jahre allda.«

Nach dieser Unterredung sagte ich dann zu ihr: »Sie sahen einmal mein Haus im Wust als ich es ankaufte«, – sie hatte mir seinerzeit das Canto gebracht!  – »jetzt will ich es Ihnen zeigen als hergestellter«, und führte sie umeinander und ich dachte bey mir, das soll deine Beschau sein, und als ich sie von der Bleiche heraufbegleitete, fragte sie mich ob ich doch gerne hier bin und da ich ihr äußerte ja, sagte sie zu mir: »Ich halt auch, wenn ich nur nicht von Mühldorf weg dürfte. So gingen wir in der Daxenbergergasse vor meiner Haustür auseinander.

Am Montag, den 22. September 1822, fuhr ich auf den Lebzelterjahrtag nach Burghausen, wo ich zugleich Meister wurde, wo mir die Herren Glück dazu wünschten wie auch zu einer guten Wahl zur seinerzeitigen Verehelichung. Da sprach ich zu meinen Herren Mitkollegen: »Ja, heute bin ich Meister, und heute halte ich noch mein Versprechen mit einer, die noch kein Wort weiß.« Was die Herren nicht glauben wollten und einer um einen Kronentaler mit mir wettete, dies gehe so schnell nicht. Um drei Uhr wurde in Burghausen abgefahren, mit Pater Benjamin Dosch meinem alten Bekannten und Freund, der gerade anwesend war, in Altöting etwas halt gemacht, wo ich recht innigst in der Gnadenkapelle die Muttergottes um Erleuchtung und Beistand anflehte bei dieser wichtigsten Angelegenheit für Zeit meines Lebens.

Nach nicht sehr langem Aufenthalt wurde wieder abgefahren nachhause und ich sogleich zu Herrn Gaigl hinüberging. Da begegnete mir im Hausflötz dessen Gattin Gertraud. Ich grüßte sie und ersuchte, ob die Kellnerin Leni zu mir herüber kommen könnte, da wer mit ihr reden möchte. Sie sagte nun zu der Leni im Scherz, »Du sollst zu Herrn Niggl hinübergehn, er will dich heiraten!« Die gute Leni kam wohl auf diese Rede der Frau in Spannung. Ich empfing sie bei der Haustür und führte sie in das obere Zimmer vornheraus und sagte: »Jungfer Leni! Die Vorsehung hat mich an ihre Seite gestellt, Sie sind von mir und ihr, als meine Braut erwählt! Nun weiß ich nicht, können Sie Ja sagen oder nicht?« Da antwortete sie mit allem Anstand und Würde: »Nein kann ich niemals sagen, denn es steht mir ein großes Glück bevor, aber halt Ja auch nicht, schaug’n S‘ ich hab ja nix.« Da antwortete ich ihr: »Haben Sie nichts, so haben doch meine Eltern gewirtschaftet, daß ich etwas habe, das wollen wir teilen und es soll nie ein Vorwurf entstehen, Du hättest nichts gehabt. Sie kenen meinen Stand, Charakter, Aufführung, mehr brauchen Sie dermalen nicht zu wissen: geben Sie mir die Hand!« Da reichte sie mir die Hand, ich reichte ihr einen goldenen Ring, in welchem mein Name eingestochen war, gelobte ihr ewige Treue und sagte dann »Nun sagen Sie ihrer Herrschaft, Sie sind als meine Gattin erwählt.« Ganz überrascht und staunend, aber mit Würde und Anstand ging sie fort, wo ich ihr das Geleit gab bis zur Haustür.

Ich ging in die Stube und gleich kam Herr Jos. Steiner,[25] dem ich einige Tage zuvor meine Wahl nur einzig und allein bekannt gab. Es war um sieben Uhr abends als er ankam, ich ihm aufmachte und er gleich fragte: »Wie gehts?« »Sehr gut«, antwortete ich, »bist schon zu spät gekommen, ist schon gewählt und richtig.« Da sagte Herr Steiner: »Dein Herz. Dein Sinn, Dein Rat; ich gratuliere Dir von Herzen!« War also der erste der gratulierte. Er legte sein Gewehr ab und gingen dann sogleich zum Herrn Gaigl, wo ich mit Rührung von Herrn Anton Gaigl und seiner Frau empfangen wurde, wo dann noch zugegen war Herr von Stubenrauch, kgl. Rentbeamter, der täglicher Gast dort war, und Pater Benjamin Dosch, den ich einstweilen da einquartiert hatte. Ich sprach nun Herrn Gaigl an, der mich beglückwünschte, und sagte: »Herr Gaigl! Sie sind der Leni ihr Dienstherr, morgen aber ersuche ich Sie ihren Beyständer am Landgericht zu machen und Vaterstelle zu vertreten. Ich setze die Leni zur Hälfte meines Vermögens ein. Sie werden nun erlauben, daß die Leni an meiner Seite sitzen darf.« Es wurde der Leni als Hochzeiterin nun gleich gesagt, sie möchte sich ankleiden und hierher kommen, was bald geschah; somit wurde bei einer Bouteille guten Wein zum erstenmal auf das Wohl meiner Braut ein Gläschen ausgetrunken, ein zweites von den andern Herrn auf unser, der beiden Brautleute, Wohl, und brachten also diesen Abend sehr fröhlich zu.

Als meine Braut am Nachmittage von mir gegangen war, ging sie gleich der Küche zu. Da fragte die alte Köchin, der Leni alles Geheime anvertraute: »Nun wie ist es gegangen?“ Sagte die Leni: »Ich soll Lebzelterin werden.“ Antwortete die Köchin: »Sie werden es ihm doch nicht ausschlagen, wo er soviele Anträge hatte und Sie sind die Erwählte.“ »Ja«, sagte die Leni, »ich durfte es ihm nicht mehr ausschlagen, ich mußte ihm die Hand reichen und er gab mir diesen Ring.“ Da kam die Frau Gaigl dazu und sagte: »Wo bist denn so lang?“ Da sagte die Köchin: »Frau, Sie dürfen nicht zürnen, die Leni ist Hochzeiterin mit Herrn Niggl. Sie hat hier einen Ring schon von ihm.“ Auf dieses eilte die Madame Gaigl sogleich in das Zimmer zu den Gästen: »Wißt‘s was Neues? Unsere Kellnerin Leni ist Hochzeiterin mit Herrn Niggl!“ »Jetzt geh«, sagte Herr Gaigl, »lügts was, daß es heißt, das ist beim Gaigl ausgesprengt worden. Müßt ich ja doch auch was wissen!“ »Ja, es ist so«, antwortete die Madame Gaigl, »die Leni hat schon einen Ring von ihm!“ »Laß einer gehen, den Patschi«, sagte Herr Gaigl, das war so sein gemütlicher Ausdruck, und als er sich vom Ring überzeugt hatte, sagte er mit Tränen in den Augen: »Dir wird also das Glück zuteil. Du hast es verdient, wir wünschen dir von Herzen Glück.“ Die anderen Herrn, alle gerührt, wünschten ihr auch Glück.

Hier habe ich noch eine besondere Bemerkung zu machen, welche ist: was man verabscheut bekommt man gewöhnlich. Nämlich von Jugend auf scheute ich jede Kellnerin und war meine Äußerung, eine Kellnerin sei ein Handtuch, wo sich jedes abwischt. Von da an muß ich jedoch mein wirkliches, unrichtiges Vorurteil widerrufen und sagen es ist nicht so. Jeder Stand besitzt gute Leute, die ihrem Stande gemäß und doch rein und tugendhaft leben mit Gottes Gnade. Dies kann ich bezeugen bei meiner Braut. und widerrufe nochmal feyerlich mein schwaches Vorurteil.

Mühldorfer Bürgerhochzeit

Nun zur Hauptsache wieder. Am nämlichen Tage um elf Uhr gingen ich und Herr Schwager Steiner zur Ruhe. Den andern Tag um sechs Uhr bestellte ich die Braut in die Heiliggeistspitalkirche, gab ihr ein Geldstück als Drangeld,[26] baten Gott um Beistand. Es war Dienstag, 24. September, als Festtag des hl. Rupert, wo früher hier Feiertag war, da Mühldorf zu Salzburg gehörte und in hiesiger ehemaliger Collegiatskirche der hl. Rupert am Altarblatt ist. Danach lud ich sie zum Frühstück ein, wo sie mit mir und Herrn Steiner frühstückte. Dann um acht Uhr auf das Landgericht zum protokollieren, wo also Herr Steiner meinen Beyständer und Herr Gaigl ihren Beyständer machte. Dann wurde in den Pfarrhof gegangen zum Versprechen, dann bey Herrn Daxenberger Kleidungsstücke, als das goldene Taggewand eingekauft. An diesem meinen Versprechungstag hatte Herr Anton Breitenacher, Bräuer, Gastgeb, Ökonom und Schiffmeister, Hochzeit mit einer Wirtstochter von Sambach bei Passau. Die Braut wurde zum Herrn Gaigl gestohlen, wo meine Braut selbige zu bedienen hatte.

Mittwoch, den 25. September, reiste ich mit Braut in die Heimat, wo Hochw. Herr Kooperator Simon Buchfellneruns[27] begleitete. Das Fuhrwerk hatte ich von Herrn Gaigl und fuhren über Kraiburg, Wasserburg. Rosenheim, wo wir bei Herrn Kreiderer[28] übernachteten.

Am andern Tag den 26. September Donnerstag über Aibling, Kirchdorf, wo mein hochwürdiger Herr Vater zuhause ist, Holzkirchen nach Tölz. Hochwürden Herr Vater erteilte uns den Segen, dann ließ ich meiner Braut Mutter kommen, die weinte beim Eintritt gleich und sagte: »Herr Sohn, Geld kann ich ihr keines geben, was ich ihr wohl schuldig wäre: ich bin eine Witwe und habe zwei Kinder.“ Nämlich Vatergut waren 235 Gulden ausgemacht und Muttergut 250 Gulden. Die 50 Gulden Ererbtes hatte Herr Taufpate und Vormünder Lettinger, Bräuer, die auch ausfolgten. Da sagte ich zu der Mutter: »Wegen einer Witwe zu drücken bin ich nicht da. Bezahlen Sie wann Sie können. Geben Sie ihre Einwilligung und den Segen.“ Was auch geschah.

Freitag, den 27., fuhren wir nach Lengries, Samstag nach Tegernsee. Am Sonntag, den 29., als am Fest des hl. Michael, verrichteten wir in der Franziskanerkirche in Tölz unsere Andacht mit Beicht und Kommunion, ließen uns beide in die Bruderschaft einschreiben und dann wurden für uns beide die hochzeitlichen Kleider beim Bruder eingekauft. Montag, den 30. September, fuhren wir über München nach Dachau, wo die Braut früher beim untern Wagner gedient hatte. Dienstag, den 1. Oktober, über Fürstenfeldbruck, wo meine Mutter zuhause ist,[29] wieder nach München Mittwoch, 2. Oktober, fuhr ich mit Herrn Buchfellner nachhause und die Braut nach Tölz. Die Witterung war immer günstig.

Den 11. Oktober habe ich zum erstenmal bei der Landwehr[30] als Picotist Dienste geleistet. Am Samstag, den 12. Oktober, als am Rosenkranzfest und Maximilianstag, Namensfest des Königs, Parade mitgemachte zum erstenmal, wo wir abends bei Herrn Hatzelsberger, der die Himmelbräustatt angekauft hatte, uns gut unterhielten. Es waren unser fünfzehn Köpfe, es wurden zwei Gänse nebst dem Jung verspeist und viel Bier getrunken, wo ich dies zum Einstand bezahlte, was bei drei Kronentaler kostete.

Montag, 14. wurde die Ausfertigung, welche in einem Faß gepackt war, ausgepackt mit einem kurzen Brief: »Du mußt halt vorlieb nehmen mit dieser Ausfertigung.“ Dienstag, den 15. Oktober, um zwölf Uhr Einspannen bei Herrn Gaigl, um meiner Braut entgegen zu fahren. Ich fuhr nach Ampfing, wo bald danach mein hochwürdiger Herr Vater und dessen Bruder Alois, Wirt von Kirchdorf, ankam; von dort fuhren wir nach Kraiburg wo meine Braut herkam, die auch bald ankam. Als wir nach Kraiburg kamen, da wurde am nämlichen Tag die Kirche von Kraiburg eingeweiht. Allda war seine Exzellenz der Herr Erzbischof[31][32], wo wir Brautleute, von unserm hochwürdigen Herrn Vater vorgeführt bei der Tafel, den erzbischöflichen Segen erhielten. Danach fuhren wir ab, wo wir dann in sechs Schäsen[33] auf der Münchner Straße zusammenkamen, nach Mühldorf fuhren, wo die Bewohner Neugierde halber mit den Lichtern zum Fenster herausleuchteten. Bei Herrn Gaigl wurde abgestiegen, alsdann gespeist, dann machten mir die Landwehr-Musiker zum Dank des Einstands ein Hofrecht[34] vor meinem Hause. Mittwoch, den 16. Oktober, empfingen wir nach der Frühmesse aus des Vaters Priesterhand die hl. Kommunion. Um ½ 10 Uhr versammelten sich dann alle Hochzeitsgäste, um ¾ 10 Uhr war die Einsegnung und Hochzeitsamt durch Hochwürden Herrn Vaters Priesterhand. Dann wurde von Herrn Simon Buchfellner am Altar eine Anrede gehalten. Um 11 Uhr wurde wieder zurückgezogen. Um 1 Uhr begann das Hochzeitsmahl, wo vor demselben Hochwürden Herr Vater ein Gebet vortrug. Das Mahl war köstlich hergerichtet, Leute auf den Abend gab es bedeutend viel. Bis zwei Uhr morgens dauerte die Musik, wo wir dann nachhause gingen.

Donnerstag, den 17. Oktober, um ½ 8 Uhr reisten ich, Braut und Hochwürden Herr Vater und fast der größte Teil der Freundschaft mitsamen nach Altötting. Auf der Post Frühstück eingenommen Dann hielt Hochw. Herr Vater in der hl. Kapelle das Hochamt für uns Brautpersonen und für die ganze Freundschaft. Unter demselben wurde ein rührendes Lied gesungen, welches der dortige Herr Pfarrer Gabriel Ziegler aus liebevoller Teilnahme eigens dazu verfaßt hatte. Dann wurden die Schätze in der Schatzkammer alle angesehen. Dann wurde auseinandergefahren nach drei Seiten hin. Ein Teil wieder nach Mühldorf, ein Teil nach und über Altenmarkt, und einige über Landshut. Freitag fuhren ich, Hochwürden Herr Vater und dessen Herr Bruder nachmittag nach Engfurt zum Klausner mit Namen Frater Strehle, der so bedeutende Kuren machte: unterhielten uns mit ihm ganz gut, fuhren dann wieder nachhause. Samstag, den 19 Oktober, verließ uns nun auch Hochwürden Herr Vater und dessen Herr Bruder, als die letzten abreisenden Hochzeitsgäste.

Biedermeieralltag

Wir fingen nun also den 20. Oktober einem Sonntag, mit Gott zu hausen und zu wirtschaften an und ging gut dahin auch mit Gott. Donnerstag, den 30. Jänner, mußte ich am Rathaus den Bürgereid ablegen. Den 24. April als am Georgifest zu Neumarkt[35] was großartig dort gehalten wurde, ließ uns Herr Vetter Niggl, Koch, von einem Lehrjung dahin fahren. Da ward aber bei Ettmühl über die Ysen noch keine Brücke. Der Lehrjung wußte, daß das Pferd nicht gerne durch das Wasser geht, er fuhr daher vorm Wasser im größten Trab dahin das Wagl kam in Schwung und als das Pferd im Wasser nicht mehr laufen konnte, sprang die Deichselkette, das Wagl ging rechts, das Pferd links und mitten in der Ysen stürzte das Wagl mit uns um, wurden also ganz durchnäßt, auch klagte die Frau über Schmerzen in der Achsel, schon hochschwanger. Also wurde umgekehrt zuhause gut eingeheizt, und da der Gerichtsarzt Herr Weißbrod wie Landarzt Zappl nicht zuhause war, mußte ich mit dem alten Bader Herrn Benno Seidböck mich begnügen. Die Achsel war nicht aus, stark geprellt, nach einigen Tagen war selbe Gott sei Dank wieder gut.

Den 13. Juni ging ich zu Herrn Schwager Steiner zum Gratulieren, zugleich um Taufpatenschaft zu bitten welches auch mit Freuden zugestanden wurde. Freitag, den 4. July 1823, wurde meine Frau glücklich mit einem Knaben entbunden. Nachmittags drei Uhr empfing er die hl. Taufe und den Namen Anton, wo ihn Herr Steiner aus der Taufe hob. Hebamme war dabei Frau Remele, Mithelferin Frau Base Maria Niggl, Köchin allhier. Mittwoch, den 16. Juli, fing der kleine Anton sehr krank zu werden an und verschied den 20. Juli 1823. Dienstag war um ¾ 9 Uhr Leichenbegängnis mit Lobamt. Beim Aussegnen der Leiche richtete ich meine Einfahrt schön her, was Mühldorf ganz fremd vorkam und eine Bürgersfrau äußerte: »Der muß verderben, weil er es so nobel gibt.“

Mittwoch, den 8. Oktober 1823, ist auf dem Weg von Kirchdorf nach Miesbach verschieden an Blutschlag mein erster Hochzeitsgast, Herr Alois Niggl, Wirt in Kirchdorf. Samstag, den 11. Oktober, war Beerdigung, wo ich beiwohnte. Samstag, den 14. August 1824, nachts 11 Uhr kam meine Tochter Antonia zur Welt und Sonntag, den 15. August, als Maria Himmelfahrtstag getauft. Taufpatin Frau Antonia Steiner. – Den 21. Februar 1825 fing ich das hintere Gebäude, welches eine Art Heubühne war, zu bauen an, mit vier Maurern und zwei Handlangern. Den 4. März wurde die große Dachlichten im hervordern Hause wieder aufgemauert, die mein Vorfahrer eingeschlagen hatte. Den 30. April 1825 wurde ich mit allem Bauen fertig und hielt den Maurern, Handlangern,  Lehrjung, Magd einen Firstenwein. Es wurden 30 Maß Bier getrunken, 16 Stück geselchte Würste, zwei Pfund Käs, zwei Maß Würzburger Wein und um 30 Kreuzer Brot, und lustig ging es zu. Den größten Rausch bekam Gustav Schwarz, Lehrjung, ein Doktor der Medizinsohn aus Neuburg. Der ganze Unkosten dieses Baues belief sich auf 8-900 Gulden, wie ich es eigens zusammengeschrieben habe.

Den 8. August, was auch mein Geburtstag war, wurde meine liebe Gattin mit einem Mädchen wieder glücklich entbunden um 9 Uhr morgens, erhielt den Namen Anna. Den 6. April 1826 hielt Peter Paul Niggl,[36] Kochsohn von hier, sein erstes hl. Meßopfer, Braut war Steger, Lottokollektorstochter, wo mein Hochw. Herr Vater auch da war. Es waren drey Niggl als Priester am Altar als Herr Primiziant, mein hochwürdiger Herr Vater und Kuno Niggl, Pfarrer in Truchtlaching. Waren viele von unserer Freundschaft da – Mittwoch den 19. März 1828, morgens 2 Uhr wurde meine Gattin mit einem Knaben glücklich entbunden. Getauft wurde am Josephitag 4 Uhr von Herrn Kooperator Forster in der Bäckerkapelle wie die früheren auch. Am 5. April 1829 wurde der kleine Josef krank, den 10. als Schmerzhaften. Freitag sehr schwer krank, wo ich und Frau zur Fürbitte Mariens in der Eichkapelle uns wendeten. Er wurde auch wieder gesund. wie zur Dankbarkeit elfte Votiv Tafel in der Eichkapelle aufgehangen ist. Seine Krankheit war Nervenfieber und Mehlhund[37] und dauerte drei Wochen. Den 27. Juli 1829, abends 4 Uhr, kam ein alles verheerender Schauer und Hagelwetter. Als die großen Riesel bei den zerschlagenen Fenstern in die Stube fielen stund Josef auf, spielte damit und lernte dabei das erstemal gehen mit 1 ¼ Jahr Alter.

Sonntag, den 19. September, war feyerliche Primiz des hochw. Herrn Josef Daxenberger, Handelsmannsohn von hier, wo meine Tochter Antonia, sechs Jahre alt, Braut war. Dienstag, den 16. August 1831, war Antonia zum zweitenmal Braut bei Hochw. Herrn Johann Ritzinger, Bauerssohn bei Thann; die Primiz war in einer der Filialkirchen und heißt Noppling. Es waren an diesem Tag drei Primizen in einer Pfarrei, aber alle an einer Tafel im Pfarrhof zu Reuth zu 60 Gästen. Freitag, den 26. August 1831, wurde meine Gattin mit einem Knaben glücklich entbunden, das fünftemal. Nachmittags zwei Uhr getauft, erhielt den Namen Franz Paul Donnerstag, den 7. Juni 1832, reiste ich mit Antonia und Josef von hier ab über München nach Tölz auf Besuch zum hochw. Herrn Vater und zum Bruder.

Freitag, den 8. Juni, fing die Frau ihre Krankheit an, wie die Abschrift dieses Briefes, den sie mir nach Tölz schrieb, anzeigt und lautet wörtlich so:

„Mühldorf, den 15. Juni 1832.

Vielgeliebtester, teuerster Herr!

Am Freitag, den 15. des Mts. erhielt ich Deinen lieben Brief, das war mir ein recht guter Morgen. Es freut mich recht, daß Du mit den Kindern so gut nach Tölz gekommen bist; mir ist anders nicht ausgerichtet worden, als daß Du mit den Kindern gut nach München gekommen bist. Ich wünsche Dir eine recht gute Reise nachhause, daß ich dich mit den lieben Kindern recht freudenvoll empfangen kann. Sorgen darfst du dich gar nicht, es geht alles recht gut fort. Der kleine Franz Paul hat fünf recht schöne Blattern bekommen; er ist schon ein wenig unruhig, der Schlaf ist wenig. Ich bitte Dich, laß die Antonia auf dem Kalvarienberg im Kerker drei Vaterunser beten, daß er doch die Zähne gut bekommt und für mich auch drei, daß ich wieder recht dauerhaft gesund werde, wie der Herr Doktor sagt; denn das Kindergebet ist Gott das angenehmste. Empfehle mich Hochwürden Herrn Vater und ich küsse ihm die Hand für alle empfangenen Wohltaten; er soll nicht böse werden daß wir so frei sind, solange überlästig zu sein. Das nämliche bitte ich Herrn Schwager mich zu empfehlen und ich danke recht herzlich für alles. Ich bitte allen Jungfer Basen im Hause mich zu empfehlen; meiner Mutter und der Lisi auch. Ich wünsche und bete was Gott will, dem muß man es überlassen, dann wird es schon wieder recht werden ich bitte den Herrn Göden Lettinger, die Frau Göden, die alte und junge Frau Schredlein zu grüßen und alle in und außer der Freundschaft. Der Frau Leni Bauer laß ich danken für alle Bemühungen. Sey nur in der Hochzeit recht lustig und tanze recht Minet.[38] Empfehle mich den Brautleuten in Kirchdorf. Ich wünsche Ihnen eine recht glückliche Ehe. Der hochwürdige Herr Vater wird es schon recht machen, daß es so gut hebt wie bei uns. Ich grüße die Antonia und den Joseph; es freut mich recht, daß sie wohlauf sind, sie sollen nur nicht schlimm sein. Lieber Herr! Ich grüße Dich herzlich, bleibe recht gesund mit den Kindern, bis ich die Freude habe  Euch zu sehen.

Deine Dichliebende Frau Magdalena Niggl.“

Donnerstag, den 14. Juni, nahm die Frau wieder ein zum Brechen und hat sich viermal erbrochen. Der Herr Landgerichtsarzt Kosack behandelte sie immer als Fieber Leidende, wie er dort meistens alle als Fieber Leidende mit Aderlaß und Brechmittel behandelt. Dies war für meine teuerste Gattin nach meiner Ansicht gerade die entgegengesetzte Kur, da die Abzehrung in Anzug war.

Montag, den 18. Juni 1832, wohnte ich der Hochzeit des Herrn Vetter Alois Niggl bey, Wirt in Kirchdorf, der eine Wirtstochter von Seefelden heiratete, wo ich mit meinem hochwürdigen Herrn Vater sowie Bruder Anton, von Tölz aus herunterfuhr. Dienstag fuhren wir wieder zurück nach Tölz. Mittwoch, den 20. reiste ich mit den Kindern nach München, um den andern Tag als Fronleichnamstag die feierliche Prozession zu sehen, allein es regnete und wurde nicht herausgegangen Freitag, 22. Juni, fuhren wir nachhause und kamen glücklich und wohlbehalten an, allein trafen Gattin und Mutter nicht so gesund mehr an.

Den 31. zeigten sich beym Husten der Frau BlutbröckeIn, nachts Schweiß und Fieber. Am 15 August bekam sie die letzte Ölung. Am 17. August verrichtete ich mit den beiden Kindern bloßfuß eine Wallfahrt über Heiligenstadt nach Altötting, wo wir mit aller Inbrunst beteten für die Gattin und Mutter. Josef war vier Jahre alt und Antonia acht Jahre. Dienstag, den 11. September, unter der Frühmesse fiel ohne mindestes Hinankommen mein Wachsstock vom Betstuhl auf das Pflaster und stand brennend am Pflaster wie am Stuhl heroben. Freitag den 14. September nachts war die liebe Gattin sehr schlecht. Samstag den 15. September 1832 morgens um 4 ¼ Uhr entschlief sie sanft im Herrn, im Beysein des hochwürdigen Herrn Josef Bauer, der ihr noch die Generalabsolution gab und die Seele aussegnete, wie im Beysein meiner, der beiden Kinder, der Magd Walburga Rumpl. Der kleine Franz Paul lag in der Wiege. Meine teuerste, mir unvergeßlich geliebte Gattin Magdalena war alt 33 Jahre, 5 Tage, ganz abgezehrt. Montag, 17. September 1832, war um 9 Uhr traurigstes Leichenbegängnis.

Bey der Bahre in der Kirche brannten 12 weiße und 21 rote Kerzen, zusammen die 33 Jahre, die meine Frau alt war; die ich dann der Kirche verehrte. Den 8. November ist vom Herrn Landrichter Kaiser Inventar aufgenommen worden, wo jedem der drei Kinder 500 Gulden Muttergut nebst standesmäßiger Ausfertigung ausgemacht wurde.

Sonntag, 16. September fing der kleine Franz Paul krank zu werden an, 28. wurde er sehr schwer krank, wurden ihm acht Egel gesetzt und Klystier gegeben. Sonntag, 30. besuchte ihn sein Taufpate Steiner. Den 21. Dezember morgens 9 ¼ Uhr ist er gestorben. Mittwoch den 2. Jänner 1833 war die Beerdigung um 9 Uhr. Nach selbiger, um 12 Uhr mittags, lud Herr Gevatter Steiner zu einer Jagdpartie Hochw. Herrn Dechant Stempflinger und Herrn Kooperator Bauer ein. Selbe luden im Pfarrhof noch ihre Gewehre. Ich begleitete sie. Es wurde über den Scheifele-Weg gegangen, beim Scheifele-Garten über dem Bauern am Ach seinen Zaun gestiegen, wo man Herrn Dechant die Ehre als erster hinüberzusteigen ließ. Blieb hängen, stürzte hin, wo das Gewehr losging und ging zum Glück der Schuß in den Boden. Die Jagd gab ihnen nichts mehr ab und kehrten um.


Fußnoten

[20] Anm. im Orig,; »Der Grand, der Grander – Behältnis für Flüssigkeiten, gewöhnlich aus einem Stein oder Baumstamm ausgehauen, zuweilen auch aus Kupfer gemacht«. Schmeller. Bayerisches Wörterbuch

[21] Anm. im Orig.: Andreas Unterholzer. Kollegiatstiftsverwalter und Chronist gest. zu Neuötting 4. 11. 1836. über ihn Fraitzl, Mühlrad I S. 54 ff. – Auch Bauer, GeschIchte der Stadt Mühldorf, S. 38.

[22] Anm. im Orig.: »Der Bockstern – Eiterbeule größerer Art als der Aiss, Eiterauge«. Schmeller, Bayerisches Wörterbuch.

[23] Anm. im Orig.: Gaigl das spätere Riedl-Hotel, heute »Stadt Mühldorf«, damals das erste Haus am Platz, an dessen berühmte Gäste heute noch eine Gedenktafel erinnert. Der gleich erwähnte »Landgerichtskeller« die schweren Gewölbe des alten Landratsamtes in denen die schon von P. Placidus Scharl (1731-1814) gerühmten Gaigl-Weine lagerten.

[24] Anm. im Orig.: »Etwas Freund sein« = »weitschichtig verwandt sein«.

[25] Anm. im Orig.: Herr Steiner· der bereits erwähnte Schwager und Revierförster zu Winhöring, in jeder Hinsicht eine »Standesperson«.

[26] Anm. im Orig.: »Das Darangeld, Drangeld- das Angeld, die Angabe, das Handgeld; Geld, das zur Bestätigung eines geschlossenen Kaufes oder Vertrages von Seite des Zahlpflichtigen vorläufig gegeben wird.« Schmeller, Bayerisches Wörterbuch.

[27] Anm. im Orig.: Buchfellner; wahrscheinlich Simon BuchfeIner, nachmals einer der fruchtbarsten Schriftsteller des geistlichen Biedermeier im altbayerischen Raum. Seine weitverbreitete »Legende der Heiligen« erreichte vier Auflagen.

[28] Anm. im Orig.: Die Kreiderer gehören. ebenso wie die vorgenannten Breitenacher, zu einer am ganzen Inn bekannten Schiffmeisterfamilie.

[29] Anm. im Orig.: über die mütterliche Familie (Posthalter Weiss) vgl. auch Gertrud Stetter, Die Post zu Fürstenfeldbruck. In: Unbekanntes Bayern München 1955. S. 128 ff.

[30] Anm. im Orig.: »Die Landwehrpflichtigkeit erstreckt sich auf alle in der Stadtgemeinde Ansässige, und diese Pflicht bedingt die persönliche Dienstleistung, wie auch vollständige Uniformierung und Armierung«. So die »Allgemeine Dienstes-Vorschrift für das königl. Landwehr-Bataillon Mühldorf«, gedruckt bei Lutzenberger in Burghausen, 1857. Es handelt sich hier um die vielbelächelte alte Bürgerwehr, die bis zur Heeresreform 1868 in allen Städten bestand. Unser Erzähler hatte als »Picotist« natürlich das Bügelhorn, das Pikkolo, zu blasen.

[31] Anm. im Orig.: Damals (1823) Lothar Anselm Freiherr v. Gebsattel, der 1. Erzbischof von München-Freising, gestorben auf der Firmreise zu Mühldurf am 1. 10. 1846 (Vgl. das Denkmal in der Pfarrkirche).

[32]

[33] richtig: Chaise (Kutsche)

[34] Anm. im Orig.: »Hofrecht – Musik. welche irgendeiner Person zu Ehren gemacht wird. besonders aber ein Nachtständchen oder eine Serenade.« Schmeller, Bayerisches Wörterbuch.

[35] Anm. im Orig.: Georgifest zu Neumarkt· der Gedenktag des Treffens vom 24. April 1809 der in Neumarkt heute noch mit Zapfenstreich, Kirchenzug und Feldmesse für die rund tausend Gefallenen begangen wird. Hier (1823) die bisher früheste Erwähnung dieser Georgifeier.

[36] Peter Paul Niggl, geboren am 9. September 1803 in Mühldorf, Priesterweihe am 27. März 1826 (Hohenbercha) »Seine Majestät der König haben unterm 23. May d. Js. zu genehmigen geruht daß die katholische Pfarrei Kollbach Landgerichts Dachau von dem Hochwürdigsten Herrn Erzbischof von München-Freysing dem dermaligen Pfarrer zu Hohenbercha Landgerichts Freysing Priester Peter Paul Niggl verliehen werde.« (aus: »Regierungs-Blatt für das Königreich Bayern«, 4. Juny 1845) / gest. 1850 in Kollbach – Petershausen

[37] Anm. im Orig.: Mehlhund – eine Kleinkinderkrankheit die sich durch weiße, punktförmige Auflagerungen an der Zungen- und Gaumenschleimhaut bemerkbar macht (Soor).